Der Hund kommt inzwischen fast zielstrebiger herein als sein Mensch.
Nicht jeden Tag. Aber oft genug, dass ich ihn schon erkenne, bevor die Tür ganz aufgeht. Erst die Leine, dann die Schnauze, dann dieser Blick, der so selbstverständlich Richtung Tresen geht, als hätte er hier irgendwann etwas unterschrieben.
Sein Besitzer behauptet jedes Mal, der Hund wolle unbedingt her.
Ich glaube inzwischen, dass beide ganz froh über diese Version der Geschichte sind.
Der Mann ist vielleicht Mitte fünfzig. Ruhig, freundlich, einer von denen, die nicht viel brauchen, um angenehm zu wirken. Er bestellt meistens Kaffee, manchmal ein Stück Kuchen, und setzt sich gern draußen oder ans Fenster. Der Hund legt sich dann neben ihn, als hätte er selbst entschieden, dass jetzt Pause ist.
Heute zog er schon vom anderen Ende des Platzes in unsere Richtung.
Nicht hektisch. Eher entschlossen.
Der Mann ließ sich ziehen.
„Na gut“, sagte er draußen. „Dann eben wieder hier.“
Ich musste lachen.
Der Hund natürlich nicht.
Er kam herein, schnupperte kurz, drehte eine kleine Runde und legte sich genau an denselben Platz wie beim letzten Mal.
„Der weiß das inzwischen“, sagte ich.
„Leider.“
„Leider?“
Der Mann sah zu ihm hinunter.
„Ich wollte eigentlich nur eine Runde gehen.“
Zehn Minuten später hatte er einen Kaffee vor sich.
So viel zur Runde.
Ich mag solche kleinen Ausreden. Nicht die schlechten. Die guten. Die, bei denen eigentlich jeder weiß, dass niemand wirklich getäuscht wird.
Vielleicht braucht man manchmal einfach einen Grund, irgendwo reinzugehen.
Einen Hund zum Beispiel.
Oder einen festen Weg.
Oder diesen einen Tisch, an dem man schon öfter gesessen hat und bei dem man gar nicht mehr überlegen muss, ob man bleiben möchte.
Draußen war der Marktplatz heute freundlich voll. Keine Hektik. Kein besonderes Ereignis. Nur Menschen, Sonne, Gespräche und dieses leichte Sommergefühl, bei dem selbst Erledigungen aussehen, als könnten sie noch zehn Minuten warten.
Der Hund döste inzwischen.
Sein Besitzer trank langsam.
Keiner von beiden hatte es eilig.
Ein paar Gäste sahen kurz zu dem Hund hinüber. Eine Frau fragte, wie er heißt. Ich hörte den Namen nicht richtig. Vielleicht auch, weil ich ihn gar nicht wissen wollte. Manche Dinge in Ravenau gefallen mir besser, wenn sie ein wenig offen bleiben.
Später stand der Mann auf und sagte: „So, jetzt gehen wir aber wirklich.“
Der Hund bewegte sich nicht.
„Siehst du“, sagte ich. „Der kennt den Weg. Und er kennt den Zeitpunkt, wann man bleiben sollte.“
Der Mann schüttelte den Kopf und lächelte.
Am Ende brauchte es ein paar freundliche Worte und ein kleines Stück Geduld, bis der Hund sich erhob. Dann ging er wieder hinaus auf den Platz, langsam genug, dass sein Mensch folgen konnte.
Ich sah ihnen noch kurz nach.
Vielleicht stimmt es ja wirklich.
Vielleicht wollte der Hund unbedingt hierher.
Oder vielleicht merkt ein Tier einfach schneller als wir, wenn sein Mensch gerade eine Pause braucht.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.


