Seit heute gibt es Kürbislatte.
Ich weiß, das klingt nach keinem Ereignis, über das eine Stadt länger sprechen müsste. Aber in Ravenau reichen manchmal schon ein neues Getränk und eine kleine Tafel auf dem Tresen, damit Menschen plötzlich Meinungen entwickeln, von denen sie morgens noch nichts wussten.
Kürbis. Zimt. Kaffee.
Mehr stand da nicht.
Die ersten Reaktionen kamen trotzdem schneller als die Bestellungen.
„Jetzt auch bei euch?“
„Endlich.“
„Braucht man das?“
Die letzte Frage stellte ein Mann, der fünf Minuten später genau einen bestellte.
Ich sagte nichts dazu.
Man sollte Gäste nicht daran erinnern, was sie kurz zuvor noch grundsätzlich abgelehnt haben. Das gehört zu den kleinen Formen von Höflichkeit, die man hinter einem Tresen irgendwann lernt.
Draußen war Ravenau inzwischen eindeutig im Oktober angekommen. Nicht kalt. Aber auch nicht mehr so warm, dass man sich einreden konnte, der Sommer hätte nur kurz eine Pause gemacht. Auf dem Marktplatz lagen die ersten Blätter. Die Jacken waren wieder geschlossen. Und die Sonne stand morgens tiefer zwischen den Häusern, als hätte selbst sie beschlossen, etwas später anzufangen.
Der Kürbislatte lief erstaunlich gut.
Gegen zehn hatte ich schon mehr davon gemacht, als ich für den ganzen Tag erwartet hatte. Das Café roch nach Kaffee, Gewürzen und diesem leicht süßen Etwas, das sofort Herbst behauptet, egal wie das Wetter draußen tatsächlich aussieht.
Ich stellte gerade eine Tasse auf den Tresen, als ich ihn sah.
Einen Mann auf dem Marktplatz.
Eigentlich fiel er nur auf, weil er stillstand.
Menschen stehen ständig irgendwo herum. Aber meistens tun sie dabei wenigstens so, als hätten sie einen Grund. Handy. Tasche. Hund. Gespräch. Irgendetwas.
Er stand einfach nur da.
Und trug eine Kürbismaske.
Keine aufwendige. Kein Kostüm dazu. Dunkle Jacke, dunkle Hose, ganz normale Schuhe.
Nur diese Maske.
Orange. Groß. Ein grinsendes Gesicht, wie man es im Oktober inzwischen überall bekommt, wenn man lange genug durch Geschäfte läuft.
Ich sah einen Moment hin.
Dann musste ich weiterarbeiten.
Als ich das nächste Mal aus dem Fenster blickte, stand er noch da.
Nicht direkt vor dem Café. Weiter hinten, ungefähr dort, wo der Platz breiter wird. Er bewegte sich nicht. Sah vielleicht in unsere Richtung. Bei so einer Maske lässt sich das schwer sagen.
Seltsam fand ich weniger ihn.
Seltsamer fand ich, dass niemand reagierte.
Eine Frau ging dicht an ihm vorbei. Zwei Männer blieben ein paar Meter entfernt stehen und unterhielten sich. Ein Fahrrad fuhr fast zwischen ihnen hindurch.
Keiner sah zu ihm.
Vielleicht war das natürlich Unsinn. Man sieht nicht jeden Menschen an, nur weil er eine Maske trägt. Oktober macht aus Dingen schnell Normalität, für die man im März vermutlich die Polizei rufen würde.
Trotzdem schaute ich wieder hin.
Der Mann stand noch immer da.
„Alles okay?“
Ich drehte mich um.
Eine Kollegin sah mich an.
„Ja“, sagte ich. „Da draußen steht nur jemand mit einer Kürbismaske.“
Sie sah durch das Fenster.
„Wo?“
Ich zeigte ungefähr in seine Richtung.
Sie kniff die Augen zusammen.
„Keine Ahnung, wen du meinst.“
Als ich wieder hinsah, war er weg.
Natürlich.
Ich musste lachen.
Nicht laut. Mehr über mich selbst.
Vielleicht war er einfach weitergegangen. Vielleicht hatte ein Lieferwagen kurz die Sicht versperrt. Vielleicht stand er irgendwo, wo ich ihn vom Tresen aus nicht mehr sehen konnte.
Oder vielleicht hatte ich inzwischen zu viel Kürbisgewürz eingeatmet.
Der Vormittag ging weiter.
Kürbislatte. Cappuccino. Zwei Espresso. Noch ein Kürbislatte.
Am frühen Nachmittag fragte ein junger Mann, ob wir das Getränk jetzt den ganzen Oktober hätten.
„Wenn ihr weiter so bestellt, wahrscheinlich.“
Er grinste.
„Passt ja zu Halloween.“
Ich sah hinaus auf den Marktplatz.
Dort war niemand mit Maske.
Nur Ravenau.
Kirche. Pflaster. Blätter. Menschen, die ihre Wege gingen.
Ganz normal.
Und trotzdem dachte ich noch einmal an den Mann.
Vielleicht war er nur jemand, der zu früh mit Halloween angefangen hatte.
Vielleicht stand er morgen wieder dort.
Vielleicht auch nie mehr.
Ich stellte den nächsten Kürbislatte auf den Tresen.
Oben auf dem Milchschaum lag ein wenig Zimt.
Fast sah es aus wie ein Gesicht.
Aber irgendwann sollte man wirklich aufhören, überall etwas sehen zu wollen.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.


