Bildhinweis: KI-generierte Illustration. Gestaltung: maennerformat.

„Unter uns“ wird eingestellt. Nach mehr als 32 Jahren endet eine der bekanntesten deutschen Daily Soaps. Ich war nie der größte Fan der Serie. Und trotzdem hat mich die Nachricht mehr berührt, als ich zunächst gedacht hätte. Vielleicht, weil manche Fernsehserien irgendwann mehr sind als das, was auf dem Bildschirm passiert. Sie werden zu Zeitmarken im eigenen Leben.

Es gibt Fernsehsendungen, die schaut man. Und es gibt Fernsehsendungen, von denen man einfach weiß, dass sie da sind. „Unter uns“ gehörte für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Ich war nie der große Fan. Ich habe nicht jeden Abend darauf gewartet, dass es in der Schillerallee weitergeht. Ich könnte heute vermutlich auch nicht sämtliche Familiengeschichten, Beziehungen und Dramen der vergangenen drei Jahrzehnte rekonstruieren Und trotzdem war „Unter uns“ da.

Seit 1994. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.

32 Jahre sind verdammt lang

Als „Unter uns“ im November 1994 startete, sah die Welt ziemlich anders aus. Wir hatten kein Netflix in der Hosentasche. Kein Streaming. Kein Smartphone. Keine Mediathek, in der eine verpasste Folge einfach später angesehen wurde. Fernsehen hatte Uhrzeiten. Wer eine Serie sehen wollte, musste da sein. Klingt heute fast ein bisschen absurd, oder?

Und trotzdem hatte genau das etwas. Serien strukturierten den Feierabend. Man kam nach Hause, machte den Fernseher an und wusste, was lief. Über Jahrzehnte gehörten Daily Soaps zu diesem Rhythmus. Und jetzt endet eine davon.

RTL hat angekündigt, „Unter uns“ nach mehr als 32 Jahren zu beenden. Die letzten Folgen sollen im März 2027 ausgestrahlt werden. Eine Fernsehära geht damit zu Ende. Und obwohl ich nie der leidenschaftliche „Unter uns“-Zuschauer war, merke ich plötzlich: Das macht etwas mit mir.

Meine Serie war eine andere

Denn wenn wir schon über die großen deutschen Daily Soaps sprechen, muss ich gestehen: Mein Herz gehörte „Verbotene Liebe“.

Das war meine Serie.

Schloss Königsbrunn, Düsseldorf, Intrigen, Familien, Liebschaften und natürlich jede Menge Drama. „Verbotene Liebe“ hatte für mich etwas, das mich stärker gepackt hat. Vielleicht war es die Mischung aus völlig überdrehten Geschichten und Figuren, die einem irgendwann erstaunlich vertraut vorkamen. Und ja: Natürlich wusste man auch damals schon, dass das alles Fernsehen war.

Aber man ließ sich darauf ein. Man wollte wissen, wie es weitergeht. Heute können wir eine komplette Staffel einer Serie an einem Wochenende verschlingen. Damals warteten wir auf die nächste Folge. Vielleicht liegt genau darin ein Unterschied, den man erst bemerkt, wenn man zurückblickt.

Fernsehen war einmal ein gemeinsamer Termin

Ich will hier gar nicht in die Falle tappen und behaupten, früher sei alles besser gewesen. War es nicht. Aber Fernsehen war anders. Wenn am nächsten Tag über eine Serie gesprochen wurde, hatten viele tatsächlich dieselbe Folge gesehen. Zur selben Zeit. Am selben Abend. Heute sieht einer eine Serie sofort, der nächste drei Monate später und ein Dritter wartet, bis alle Folgen verfügbar sind. Das ist bequem. Ich möchte darauf auch nicht mehr verzichten.

Aber ein kleines bisschen von diesem gemeinsamen Fernseherlebnis ist dabei verloren gegangen. Daily Soaps waren vielleicht eines der deutlichsten Beispiele dafür. Sie waren einfach da.

Montag.

Dienstag.

Mittwoch.

Donnerstag.

Freitag.

Jahr für Jahr.

Und plötzlich merkt man, wie viel Zeit vergangen ist

Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich an der Nachricht über „Unter uns“ beschäftigt. 1994.

Wenn ich diese Jahreszahl lese, denke ich nicht zuerst an eine Fernsehserie.

Ich denke daran, wer ich damals war. Was ich gemacht habe. Wie mein Leben aussah. Welche Pläne ich hatte.

Welche davon wahr geworden sind – und welche sich irgendwann still verabschiedet haben.

Und während all dieser Jahre lief irgendwo diese Serie weiter.

Menschen kamen in die Schillerallee. Menschen gingen.

Figuren verliebten sich, trennten sich, stritten sich, starben und tauchten manchmal vermutlich auf wundersame Weise wieder auf.

Das Leben draußen machte währenddessen dasselbe. Na gut. Bis auf das wundersame Wiederauftauchen vielleicht. Obwohl – manchmal überrascht einen auch das echte Leben.

Serien werden zu kleinen Zeitkapseln

Das ist für mich das Spannende an solchen langlebigen Formaten. Man muss nicht einmal großer Fan gewesen sein. Ein Titelsong, ein Gesicht oder eine alte Szene kann reichen – und plötzlich ist man wieder irgendwo in den Neunzigern oder Zweitausendern.

Man erinnert sich an eine Wohnung. An einen Menschen. An einen Job. Vielleicht sogar daran, welchen Fernseher man damals hatte.

Fernsehen speichert Erinnerungen, ohne dass wir es merken.

Bei mir würde „Verbotene Liebe“ wahrscheinlich deutlich mehr solcher Türen öffnen als „Unter uns“.

Und trotzdem gehört auch „Unter uns“ zu dieser Zeit. Zu meiner Zeit.

Vielleicht macht genau deshalb ein Serienende ein bisschen wehmütig

Nicht, weil danach kein gutes Fernsehen mehr produziert würde. Natürlich wird es das. Nicht, weil wir alle unbedingt zurück ins Fernsehen der Neunziger müssten. Müssen wir nicht.

Sondern weil etwas verschwindet, das über Jahrzehnte selbstverständlich war. Manchmal merken wir erst beim Abschied, wie lange uns etwas begleitet hat.

Ein Geschäft in der Stadt. Eine Zeitschrift. Eine Stimme im Radio. Eine Fernsehsendung.

Oder eben eine Daily Soap. 32 Jahre „Unter uns“.

Ich war nie der größte Fan. Aber während ich diese Zeilen schreibe, stelle ich fest: Ein bisschen werde ich die Gewissheit vermissen, dass die Schillerallee einfach immer irgendwo weitergeht.

Vielleicht ist das ja das eigentliche Vermächtnis einer Serie, die so lange läuft. Man musste sie nicht jeden Tag sehen.

Es reichte manchmal schon zu wissen, dass sie da war. Und jetzt merkt man plötzlich, dass 32 Jahre vergangen sind. Verdammt schnell sogar.

Und Du?

Gab es eine Serie, die Dich über Jahre oder sogar Jahrzehnte begleitet hat?

War es „Unter uns“? „Verbotene Liebe“? „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“? Oder eine ganz andere?

Man liest sich.
Jürgen