Nur ganz kurz schauen. Natürlich.

Männer schauen in den Spiegel. Ich weiß, das ist jetzt keine besonders überraschende Erkenntnis. Interessanter wird es bei der Frage, wie lange. Da gibt es vermutlich den Mann, der morgens ins Bad geht, kurz in den Spiegel schaut, mit der Hand einmal durch die Haare fährt und feststellt: Passt. Wenn er einen Bart hat, wird vielleicht noch kurz geprüft, ob über Nacht irgendwo etwas gewachsen ist, das da nicht hingehört. Dann Zähne putzen. Fertig. Dieser Mann besitzt wahrscheinlich auch genau ein Duschgel.

Für Körper, Haare, Gesicht und vermutlich könnte man damit im Notfall noch das Badezimmer putzen. Und dann gibt es die anderen. Ich gehöre eher zu den anderen.

Moment, da stimmt was nicht

Ich kann durchaus vor einem Spiegel stehen und genauer hinschauen. Sitzt der Bart? Was machen die Haare heute? Warum steht genau dieses eine Haar in eine vollkommen andere Richtung als alle anderen? Und seit wann ist das da eigentlich grau? Wobei sich diese Frage irgendwann erledigt. Dann lautet sie eher: Seit wann ist das da eigentlich noch nicht grau?

Mit über 50 verändert sich der Blick in den Spiegel ohnehin ein bisschen. Nicht unbedingt zum Schlechteren. Nur zum Ehrlicheren.

Da sind Linien im Gesicht, die früher nicht da waren. Der Bart verändert seine Farbe. Die Haare machen vielleicht nicht mehr alles mit, was man gerne von ihnen hätte. Und manche Körperstellen haben offenbar beschlossen, sich nicht mehr zwingend an die ursprüngliche Bauplanung zu halten.

Kann man sich darüber ärgern. Muss man aber nicht.

Dieser Blick im Schaufenster

Besonders interessant finde ich Männer übrigens nicht vor dem Badezimmerspiegel. Sondern vor Schaufenstern. Natürlich schauen wir da nicht nach uns. Wir betrachten die Auslage. Ganz klar. Auch wenn sich hinter der Scheibe gerade ein Geschäft für Damenunterwäsche befindet und unser Blick erstaunlich exakt auf unserem eigenen Spiegelbild ruht. Nur kurz. Sitzt das Shirt? Wie fällt die Hose? Sehen die Sneaker dazu eigentlich gut aus?

Und weiter. Hat niemand gesehen. Hoffentlich.

Darf ein Mann eitel sein?

Ich finde: ja. Warum eigentlich nicht? Es gibt einen Unterschied zwischen Eitelkeit und Selbstverliebtheit. Ich darf mich darum kümmern, wie ich aussehe. Ich darf einen Bart tragen, weil ich mich damit mag. Ich darf meine Kleidung bewusst auswählen. Ich darf Pflegeprodukte benutzen, einen Duft mögen und auch fünf Minuten länger im Bad brauchen.

Und ich darf in den Spiegel schauen und denken: Heute gefalle ich mir. Das ist kein Satz, den Männer besonders häufig laut sagen. Vielleicht sollten wir es öfter tun. Denn merkwürdigerweise fällt es vielen von uns ziemlich leicht, vor dem Spiegel Dinge zu entdecken, die uns nicht gefallen.

Der Bauch.
Die Falten.
Die Haare.
Die Nase.

Irgendetwas findet sich schon. Aber einfach einmal hinzuschauen und zu denken: Passt schon ziemlich gut, der Kerl? Das scheint schwieriger zu sein.

Ich schaue gerne hin

Ich mache mir Gedanken darüber, was ich anziehe. Ich mag meine bunten Socken. Ich mag Shirts, Hoodies und Sneaker. Ich achte auf meinen Bart. Und ja, bevor ich das Haus verlasse, schaue ich noch einmal in den Spiegel. Manchmal auch zweimal. Und wenn irgendwo eine spiegelnde Scheibe kommt, kann es natürlich passieren, dass ich dort ebenfalls kurz kontrolliere.

Rein zufällig. Ich finde das inzwischen vollkommen in Ordnung. Vielleicht geht es beim Blick in den Spiegel nämlich gar nicht darum, möglichst jung, möglichst perfekt oder möglichst irgendetwas zu sein. Vielleicht reicht etwas anderes: Sich selbst anzuschauen und den Mann, der einem da entgegenblickt, zu mögen.

Mit seinen grauen Haaren.
Mit seinen Falten.
Mit dem Bauch, der heute vielleicht etwas anders aussieht als mit 25.

Und mit diesem einen Barthaar, das sich konsequent weigert, in dieselbe Richtung zu wachsen wie der Rest. Soll es doch. Wir beobachten. Wir urteilen nicht. Na ja. Zumindest versuchen wir es.

Schließlich ist Samstag.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen