Heute wurde es plötzlich laut.

Nicht unangenehm laut. Eher diese Art von Lautstärke, die einen Raum innerhalb weniger Sekunden verändert, weil zu viele junge Stimmen gleichzeitig hineinkommen und keiner von ihnen daran denkt, dass vorher noch jemand leise Kaffee getrunken hat.

Die Tür ging auf.

Dann noch einmal.

Und plötzlich standen sie da.

Vielleicht acht Jugendliche. Vielleicht zehn. Ich hatte keine Zeit zu zählen. Hexen, irgendein Vampir, etwas mit viel schwarzer Schminke, zwei Gestalten, bei denen ich bis heute nicht weiß, was sie darstellen sollten, und einer mit einem Umhang, der beim Hereinkommen beinahe an der Tür hängen blieb.

Halloween war noch nicht ganz da.

Aber offenbar nah genug.

„Habt ihr diesen Kürbislatte noch?“

Natürlich.

Seit wir ihn auf die Karte gesetzt hatten, war er vom kleinen Oktoberexperiment zu etwas geworden, das manche Menschen inzwischen bestellten, als hätten wir ihn schon immer gehabt.

„Achtmal!“

Ich sah in die Gruppe.

„Acht?“

„Oder neun.“

Natürlich.

Innerhalb weniger Minuten roch das Café wieder nach Kürbis, Kaffee, Gewürzen und ein bisschen zu viel Energie.

Die Jugendlichen schoben zwei Tische zusammen, lachten, redeten durcheinander, fotografierten ihre Getränke und sich gegenseitig, tauschten einen Hut, der vermutlich zu irgendeinem Kostüm gehörte, und schienen sich überhaupt nicht dafür zu interessieren, dass der Rest des Raumes sie längst bemerkt hatte.

Die meisten Gäste sahen nur kurz hin.

Eine Frau lächelte.

Ein Mann am Fenster schüttelte den Kopf, aber nicht böse.

Nur einer rümpfte deutlich die Nase.

Er saß schon eine Weile da, Zeitung vor sich, Kaffee daneben. Einer von denen, die einen Raum offenbar lieber so vorfinden, wie sie ihn verlassen haben.

Als die Gruppe zum dritten Mal gleichzeitig lachte, faltete er die Zeitung zusammen.

„Das muss ich mir nicht geben“, sagte er.

Niemand hatte ihn gefragt.

Er stand auf, zog seine Jacke an, bezahlte und ging.

Einer der Jugendlichen sah ihm nach.

„War’n wir zu laut?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Ihr seid jedenfalls nicht zu überhören.“

Sie lachten.

Immerhin ehrlich.

Vielleicht hätte ich sie bitten sollen, etwas leiser zu sein.

Vielleicht auch nicht.

Ein Café ist kein Lesesaal. Und manchmal gehört es zu einem Ort, dass er für eine Stunde anders klingt als sonst.

Ich stellte den nächsten Kürbislatte auf den Tresen.

„Wer war ohne Zimt?“

Keiner wusste es mehr.

Natürlich.

Draußen war es am Nachmittag schon früher dunkel geworden, als man es eigentlich wahrhaben wollte. Über dem Marktplatz hing dieses blaue Oktoberlicht, das nicht mehr richtig Tag ist und trotzdem noch keine Nacht.

Ich hob den Blick.

Und sah ihn.

Nur ganz kurz.

Den Mann mit der Kürbismaske.

Auf der anderen Seite des Platzes.

Dunkle Jacke. Dunkle Hose. Orangefarbenes Gesicht.

Genau wie beim ersten Mal.

Diesmal war ich mir sicher.

Ich ließ fast den Löffel fallen.

Jemand bestellte noch einen Latte. Hinter mir fragte einer nach einer Serviette. Eine Jugendliche wollte wissen, ob wir den Drink auch ohne Kaffee machen könnten.

Ich sah wieder hinaus.

Weg.

Natürlich.

Nur Menschen auf dem Platz. Eine Frau mit Einkaufstasche. Zwei Fahrräder. Jemand, der Richtung Kirche ging.

Keine Kürbismaske.

„Alles okay?“, fragte einer aus der Gruppe.

„Ja.“

Ich stellte die Tasse hin.

„Nur kurz gedacht, ich hätte jemanden gesehen.“

„Wen?“

Ich sah ihn an.

Vielleicht siebzehn. Dunkle Schminke um die Augen, irgendeine künstliche Narbe an der Wange und dieses vollkommen unbeschwerte Interesse, das Menschen haben, wenn die Antwort hoffentlich spannend ist.

„Niemanden.“

Er grinste.

„Das klingt aber nicht nach niemandem.“

Vielleicht hatte er recht.

Später zog die Gruppe weiter.

Sie hinterließen leere Tassen, ein paar Zuckerpäckchen auf dem Tisch und eine Stimmung im Raum, die noch ein paar Minuten blieb, obwohl sie längst draußen waren.

Danach war es plötzlich wieder sehr ruhig.

Fast zu ruhig.

Ich räumte ab.

Der Mann mit der Zeitung kam natürlich nicht zurück.

Draußen war die Dunkelheit inzwischen ganz auf dem Platz angekommen.

Ich sah noch einmal hinüber.

Niemand.

Vielleicht war es einfach jemand in einem Halloweenkostüm gewesen.

Das wäre schließlich die vernünftigste Erklärung.

Und Ende Oktober sollte man vernünftige Erklärungen nehmen, solange man noch welche bekommt.

—

Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.