Wenn mich jemand fragt, was ich in letzter Zeit Besonderes erlebt habe, muss ich manchmal überlegen.

Nicht, weil nichts passiert wäre. Sondern weil das meiste von dem, was mein Leben ausmacht, ziemlich gewöhnlich ist.

Ich stehe morgens auf. Ich arbeite. Schreibe. Trinke meinen Kaffee. Gehe einkaufen. Rede mit Menschen. Laufe durch die Stadt. Sitze abends auf dem Sofa. Irgendwann gehe ich ins Bett.

Nicht gerade der Stoff, aus dem große Abenteuer gemacht werden.

Und trotzdem habe ich diese Woche darüber nachgedacht, ob wir das Besondere vielleicht manchmal ein bisschen überschätzen.

Denn wenn ich ehrlich bin: Ich mag meine ganz normalen Tage.

Montag: Ich muss die Welt nicht erobern

„Man muss montags nicht die Welt erobern. Manchmal reicht es völlig, aufzustehen, anzufangen und zu schauen, wie weit man kommt.“

Montage haben einen schlechten Ruf. Vielleicht auch deshalb, weil wir ihnen ziemlich viel zumuten.

Neue Woche. Neue Aufgaben. Neue Ziele. Jetzt geht es wieder los!

Und am besten startet man natürlich hochmotiviert, bestens organisiert und mit einem Plan für die kommenden fünf Tage.

Kann man machen.

Man kann montags aber auch einfach aufstehen und anfangen.

Ich habe längst nicht an jedem Montag das Gefühl, dass diese Woche großartig werden wird. Manchmal schaue ich auf meine Aufgaben und denke eher: Na gut. Dann wollen wir mal.

Und erstaunlicherweise reicht das ziemlich oft.

Man muss nicht jeden Morgen voller Tatendrang in den Tag springen. Manchmal kommt die Energie erst, wenn man schon angefangen hat.

Und manchmal auch nicht.

Dann ist es eben so.

Dienstag: Die Lücken im Kalender

„Früher dachte ich, ein voller Kalender bedeutet, dass viel passiert. Heute weiß ich: Manchmal passiert das Beste genau in den Lücken.“

Es gab Zeiten, da fühlte sich ein voller Kalender gut an.

Termin hier. Verabredung dort. Noch schnell etwas erledigen. Danach weiter zum nächsten Punkt.

Beschäftigt sein hatte irgendwie etwas Beruhigendes. Wenn viel los war, dann passierte schließlich auch etwas.

Heute sehe ich freie Stellen im Kalender ein bisschen anders.

Da steht nichts.

Und genau deshalb kann dort plötzlich alles Mögliche passieren. Ein längeres Gespräch. Ein Spaziergang. Eine Idee. Eine Stunde, in der ich einfach dasitze. Oder auch überhaupt nichts.

Früher hätte ich eine solche Lücke wahrscheinlich ziemlich schnell gefüllt.

Heute versuche ich öfter, sie einfach stehen zu lassen.

Versuche, wohlgemerkt. 😄

Mittwoch: Wenn nichts passiert

„Es gibt Tage, an denen nichts Besonderes passiert. Und vielleicht merken wir viel zu selten, was für ein Luxus genau das sein kann.“

Eigentlich ist es eine seltsame Frage: „Was war heute?“

Denn meistens erwarten wir darauf irgendeine Geschichte.

Dabei lautet die Antwort manchmal einfach: Nichts.

Ich habe gearbeitet. Gegessen. Vielleicht war ich draußen. Ich habe ein paar Menschen gesehen. Es gab keinen Streit, keine Katastrophe und keine Nachricht, die plötzlich alles verändert hat.

Ein ganz gewöhnlicher Mittwoch.

Je älter ich werde, desto mehr weiß ich solche Tage zu schätzen.

Nicht jeder Tag muss eine Erinnerung fürs Leben produzieren. Es reicht manchmal vollkommen, wenn er einfach friedlich vorbeizieht.

Vielleicht ist „Es ist nichts passiert“ gelegentlich sogar eine ziemlich gute Nachricht.

Donnerstag: Einfach mal nichts füllen

„Ich habe aufgehört, jeden stillen Moment sofort mit irgendetwas füllen zu müssen. Na gut. Ich übe noch. 😏“

Der letzte Satz ist wichtig.

Denn natürlich habe ich nicht aufgehört. 😄

Da liegt ein Handy. Da wartet etwas, das ich noch erledigen könnte. Da fällt mir plötzlich ein, was ich morgen machen muss. Und wenn wirklich einmal gar nichts ansteht, könnte man ja wenigstens kurz nachsehen, was irgendwo auf der Welt gerade passiert.

Stille auszuhalten ist gar nicht so einfach geworden.

Dabei mag ich sie eigentlich.

Diese Momente, in denen niemand etwas von einem will. Kein Telefon klingelt. Keine Nachricht kommt. Nichts muss sofort erledigt werden.

Vielleicht müssen wir solche Momente gar nicht besonders sinnvoll nutzen.

Vielleicht besteht ihr Sinn genau darin, dass wir einmal nichts aus ihnen machen.

Ich sagte ja: Ich übe noch.

Freitag: Das gute Leben

„Vielleicht ist ein gutes Leben am Ende gar nicht das mit den meisten Geschichten. Sondern eines, in dem man sich an ganz normalen Tagen gerne wiederfindet.“

Bei diesem Gedanken wusste ich plötzlich, worum es mir diese Woche eigentlich ging.

Wir erzählen gerne vom Besonderen.

Vom Urlaub. Von Erfolgen. Von großen Veränderungen. Von den Tagen, an denen etwas passiert ist.

Und natürlich gehören diese Tage zum Leben. Ich möchte auf sie auch gar nicht verzichten.

Aber wenn wir einmal ehrlich nachrechnen, bestehen unsere Leben größtenteils aus den anderen Tagen.

Den Montagen, an denen wir einfach anfangen.

Den Dienstagen ohne Termin.

Den Mittwochen, an denen nichts passiert.

Den stillen Momenten zwischendrin.

Vielleicht sollte man deshalb nicht nur darauf schauen, ob man genügend außergewöhnliche Dinge erlebt.

Vielleicht ist die viel wichtigere Frage:

Mag ich eigentlich mein Leben, wenn gerade nichts Besonderes passiert?

Mein Gedanke zur Woche

Ich glaube, meine Antwort darauf lautet inzwischen ziemlich oft: Ja.

Natürlich möchte ich noch etwas erleben. Ich habe Pläne, Wünsche und Ideen. Es gibt Orte, die ich sehen möchte, Dinge, die ich machen will, und hoffentlich noch jede Menge Geschichten, die irgendwann erzählt werden können.

Aber ich möchte nicht von einem besonderen Moment zum nächsten leben und die Zeit dazwischen nur als Wartezimmer betrachten.

Denn genau diese Zeit dazwischen ist mein Leben.

Der Kaffee am Morgen. Der Weg durch die Stadt. Ein Gespräch. Ein Arbeitstag, an dessen Ende etwas geschafft ist. Ein Abend zu Hause. Ein Tag, an dem nichts Weltbewegendes passiert ist.

Früher hätte ich vielleicht gedacht, dass ein gutes Leben möglichst viel zu erzählen haben muss.

Heute denke ich:

Ein gutes Leben ist eines, in dem ich mich auch an einem völlig gewöhnlichen Mittwoch gerne wiederfinde.

Und davon hätte ich gerne noch ziemlich viele.

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag. Vielleicht wird es ein besonderer. Vielleicht auch einfach nur ein guter.

Beides wäre doch völlig in Ordnung.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen