Sie fiel mir auf, bevor sie überhaupt etwas bestellt hatte.
Vielleicht wegen des Kleides.
Dunkel. Lang. Schwerer Stoff, soweit ich das vom Tresen aus beurteilen konnte. Dazu ein heller Kragen, der an etwas erinnerte, das ich nur aus alten Fotografien kenne. Wien vielleicht. Kaiserzeit. Irgendetwas, bei dem Menschen noch sehr gerade standen und auf Bildern grundsätzlich so aussahen, als hätten sie gerade erfahren, dass Lächeln erst viel später erfunden wird.
Sie passte nicht hierher.
Oder vielleicht passte sie gerade deshalb erstaunlich gut nach Ravenau.
Die Tür war kaum hinter ihr zugefallen, da blieb sie einen Moment stehen und sah sich um.
Nicht verwirrt.
Eher aufmerksam.
So, wie Menschen einen Raum betrachten, den sie kennen könnten, obwohl sie noch nie darin gewesen sind.
Ich wartete.
Sie kam zum Tresen.
„Einen Kaffee, bitte.“
Keine Spezialität. Keine Milchfrage. Kein Sirup. Einfach Kaffee.
Ihre Stimme war ruhig. Nicht altmodisch, falls Stimmen überhaupt altmodisch sein können. Eher klar. Bestimmt. Als wäre Bestellung etwas, über das man keine längeren Verhandlungen führen muss.
Ich machte ihr einen.
Sie setzte sich an den kleinen Tisch nahe der Wand.
Und danach passierte eigentlich nichts.
Das ist vielleicht das Seltsamste daran.
Niemand starrte sie an.
Ein Mann ging an ihrem Tisch vorbei, ohne den Blick zu heben. Zwei Frauen unterhielten sich direkt daneben weiter über irgendeinen Termin. Ein Kind lief einmal quer durchs Café und nahm von ihr genauso wenig Notiz wie von einem Stuhl.
Ich begann mich zu fragen, ob nur mir dieses Kleid auffiel.
Es war nicht verkleidet.
Das wäre einfacher gewesen.
Kein Halloweenkostüm, kein absichtliches Theater, keine billige Spitze, kein aufgesetztes „Seht mich an“. Dafür saß es zu selbstverständlich an ihr. Sie bewegte sich darin, als wäre es einfach Kleidung.
Vielleicht war es das für sie auch.
Draußen lag ein grauer Oktobernachmittag über dem Marktplatz. Nicht dunkel, aber farblos genug, dass die Frau im Café noch mehr wirkte, als hätte jemand einen alten Farbton in die Gegenwart gestellt.
Sie trank langsam.
Einmal sah sie hinaus zur Kirche.
Sehr lange.
Nicht traurig. Nicht suchend. Eher so, als würde sie etwas vergleichen.
Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass die Kirche natürlich schon lange vor uns allen da war.
Vielleicht hatte sie sie schon einmal gesehen.
Unsinn.
Natürlich Unsinn.
Oktober macht einen empfänglich für Gedanken, die man im Juni wahrscheinlich sofort wieder wegwischen würde.
Die Frau stellte die Tasse ab und kam zum Tresen.
„Was macht das?“
Ich nannte den Betrag.
Und dann passierte etwas, mit dem ich wirklich nicht gerechnet hatte.
Sie nahm ihr Handy.
Kein altes. Kein ungewöhnliches. Einfach ein ganz normales Smartphone.
Sie hielt es ans Terminal.
Ein kurzer Ton.
Bezahlt.
Ich musste sie offenbar angesehen haben, denn sie hob eine Augenbraue.
„Ist etwas?“
„Nein.“
Was hätte ich sagen sollen?
Entschuldigen Sie, aber Sie sehen aus, als wären Sie gerade aus dem Jahr 1895 hier hereingekommen, und jetzt bezahlen Sie kontaktlos?
Ich ließ es.
Auch das gehört zu den Dingen, die man als Barista irgendwann lernt: Nicht jeder Gedanke wird besser, nur weil man ihn ausspricht.
Sie steckte das Handy weg.
„Der Kaffee war gut.“
„Danke.“
Dann ging sie.
Draußen blieb sie kurz stehen.
Das Kleid bewegte sich leicht im Wind. Für einen Moment sah sie tatsächlich aus wie eine Figur aus einem alten Bild, die jemand ausgeschnitten und auf den Marktplatz gestellt hatte.
Dann ging ein Lieferwagen vorbei.
Als er weg war, war sie es auch.
Wahrscheinlich einfach um die Ecke.
Natürlich.
Ich räumte ihre Tasse ab.
Kein vergessener Handschuh. Kein Zettel. Kein geheimnisvoller Gegenstand.
Nur ein leerer Kaffeefleck am Boden der Tasse.
Später fragte ich eine Kollegin, ob ihr die Frau aufgefallen sei.
„Welche Frau?“
Ich beschrieb das Kleid.
Sie dachte kurz nach.
„Keine Ahnung.“
Dann arbeitete sie weiter.
Ich sagte nichts mehr.
Vielleicht hatte niemand richtig hingesehen.
Vielleicht war an der Frau auch gar nichts Besonderes gewesen.
Vielleicht kann man heutzutage ein Kleid tragen, das hundert Jahre zu spät aussieht, und trotzdem mit dem Handy bezahlen.
Eigentlich beruhigend.
Und trotzdem dachte ich am Abend noch einmal an ihren Blick zur Kirche.
Nicht daran, wie sie aussah.
Sondern daran, wie vertraut Ravenau für einen Moment auf sie gewirkt hatte.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.


