Eigentlich wollte ich nur schnell etwas nachsehen. Zwei Minuten später bin ich bei Instagram, beantworte eine Nachricht und lese etwas, das mich bis eben überhaupt nicht interessiert hat. Nur eines weiß ich nicht mehr: Warum habe ich eigentlich das Handy genommen?

Es beginnt vollkommen harmlos. Ich sitze am Schreibtisch und möchte etwas wissen. Nichts Weltbewegendes. Vielleicht, wie das Wetter morgen wird. Wann ein Termin ist. Wie spät es ist. Oder ich möchte nur schnell eine Nachricht beantworten.

Also nehme ich das Smartphone in die Hand. Das ist der Moment, an dem die ursprüngliche Mission bereits gefährdet ist. Denn bevor ich überhaupt dort angekommen bin, wo ich hinwollte, sehe ich eine Benachrichtigung. Nur kurz schauen.

Nur kurz

„Nur kurz“ ist beim Smartphone eine interessante Zeitangabe.

Sie kann tatsächlich drei Sekunden bedeuten. Sie kann aber auch bedeuten, dass man zehn Minuten später einen Mann dabei beobachtet, wie er irgendwo in Kanada eine vollkommen verwahrloste Terrasse mit einem Hochdruckreiniger säubert.

Ich wollte nie wissen, wie diese Terrasse anschließend aussieht. Jetzt muss ich es wissen. Natürlich wird sie fantastisch aussehen. Weiter. Da ist eine Nachricht. Wenn ich das Handy schon in der Hand habe, kann ich die schnell beantworten. Das dauert wirklich nicht lange.

Während ich tippe, fällt mir etwas ein, das ich noch nachsehen wollte. Google auf. Suchbegriff eingeben. Ergebnis anklicken. Interessant. Da steht etwas, das ich nicht wusste. Noch einen Link öffnen. Und plötzlich befinde ich mich thematisch ungefähr 800 Kilometer von der Frage entfernt, mit der alles angefangen hat.

Moment mal …

Irgendwann lege ich das Smartphone wieder auf den Tisch. Erledigt. Ein schönes Gefühl. Bis mein Gehirn sich meldet. Moment mal.

Ich schaue das Handy an. Da war doch etwas. Warum hatte ich es eigentlich genommen? Nachricht beantwortet. Instagram angeschaut. Einen Artikel gelesen. Nebenbei erfahren, dass irgendein Mensch, den ich nicht kenne, gerade Urlaub auf Mallorca macht. Aber das war es alles nicht. Ich hatte einen Grund. Einen konkreten sogar. Nur welchen?

Mein Smartphone kann nichts dafür

Natürlich wäre es einfach, jetzt dem Smartphone die Schuld zu geben. Macht man ja gerne. Diese böse Technik. Diese Apps. Diese Benachrichtigungen. Früher war alles besser und wir konnten uns noch 14 Stunden am Stück auf eine Sache konzentrieren. So ungefähr. Nur: Ich könnte die Benachrichtigung auch einfach ignorieren.

Ich könnte das Smartphone nehmen, die Wetter-App öffnen, nachsehen und es wieder hinlegen. Niemand zwingt mich, vorher noch schnell zu schauen, wer mir geschrieben hat. Ich mache das ganz alleine. Das Smartphone stellt lediglich ein bemerkenswert umfangreiches Angebot zur Verfügung, mich von meinem ursprünglichen Vorhaben abzubringen. Und ich nehme dieses Angebot erstaunlich häufig dankend an.

Alles ist immer nur einen Fingertipp entfernt

Vielleicht ist genau das der Unterschied zu früher. Wenn mir vor zwanzig Jahren beim Frühstück irgendeine vollkommen unwichtige Frage eingefallen wäre, hätte ich sie möglicherweise einfach nicht beantwortet. Dann wusste ich eben nicht, wie alt irgendein Schauspieler ist. Oder wie hoch ein bestimmter Berg ist. Oder wie dieses Lied hieß, das 1987 im Radio lief und dessen Refrain mir plötzlich im Kopf herumging. Heute? Smartphone nehmen. Nachschauen. Und weil die Antwort innerhalb weniger Sekunden da ist, fällt einem gleich die nächste Frage ein.

Das ist großartig. Ich möchte darauf ehrlich gesagt auch nicht mehr verzichten. Aber manchmal frage ich mich schon, wie viele vollkommen unnötige Dinge ich an einem Tag weiß, nur weil mir für drei Sekunden eine Frage durch den Kopf gegangen ist.

Und dann sind da noch die anderen 

Das Smartphone ist schließlich nicht nur eine riesige Antwortmaschine. Da sind Menschen drin. Zumindest fühlt es sich manchmal so an. Jemand schreibt. Jemand kommentiert. Jemand schickt ein Bild. Eine Mail kommt. Eine App möchte mir etwas sagen. Eine andere App möchte ebenfalls dringend meine Aufmerksamkeit. Und selbstverständlich könnte ich all das später ansehen. Theoretisch. Praktisch denke ich: Wenn ich es schon in der Hand habe …

Dieser Satz hat vermutlich schon mehrere Monate meines Lebens gekostet.

Vielleicht ist Aufmerksamkeit der eigentliche Luxus

Das Interessante daran ist, dass wir ständig darüber sprechen, wie viel Zeit wir am Smartphone verbringen. Vielleicht ist Zeit aber gar nicht das Einzige, was dabei verloren geht. Vielleicht ist es viel häufiger unsere Aufmerksamkeit. Ich wollte eine Sache tun. Dann kam etwas anderes. Dann noch etwas. Und irgendwann habe ich fünf Dinge angefangen, drei erledigt und das ursprüngliche vergessen.

Nicht dramatisch. Kein Weltuntergang. Einfach Alltag. Aber vielleicht tut es deshalb manchmal ganz gut, sich selbst dabei zu erwischen. Smartphone nehmen. Das tun, weshalb man es genommen hat. Smartphone wieder hinlegen. Eigentlich ganz einfach. Ich werde das ab jetzt so machen. Ganz bestimmt. Moment.

Was wollte ich vorhin eigentlich nachsehen? Ach ja.

Das Wetter! Ich nehme das Smartphone. Display an. Oh. Eine Nachricht. Nur kurz antworten. Dann Wetter. Ganz bestimmt.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen