Baustelle. Motoren. Stimmen. Ein LKW im Rückwärtsgang. Manchmal ist es gar nicht ein Geräusch, das nervt. Es sind einfach alle zusammen. Es gibt Tage, da höre ich nichts. Also natürlich höre ich etwas. Ich lebe schließlich mitten in der Stadt. Autos fahren vorbei, irgendwo wird gebaut, Menschen unterhalten sich, Türen fallen ins Schloss und hin und wieder fährt ein Rettungswagen durch die Straße. Das gehört dazu. Und dann gibt es diese anderen Tage.

An denen höre ich alles. Wirklich alles.

Piep. Piep. Piep.

Heute zum Beispiel. Irgendwo in der Nähe wird gebaut. Das allein wäre noch kein Problem. Baustellen gehören zu einer Stadt wie Ampeln, Lieferwagen und Menschen, die grundsätzlich genau dort stehen bleiben, wo man gerade vorbeimöchte. Dann kommt der LKW. Er fährt rückwärts. Piep. Piep. Piep. Piep.

Man weiß ja, warum er das macht. Das Piepsen ist sinnvoll. Es soll verhindern, dass jemand hinter einen rückwärtsfahrenden LKW läuft. Ich bin ausdrücklich dafür, dass niemand von einem LKW überfahren wird. Nach ungefähr drei Minuten ertappe ich mich trotzdem bei dem Gedanken, ob der LKW nicht irgendwann einfach dort angekommen sein könnte, wo er hinmöchte. Piep. Offenbar nicht.

Und plötzlich machen alle mit

Ein Auto beschleunigt draußen mit einer Geräuschkulisse, die vermuten lässt, dass gerade mindestens die Poleposition in Monaco ausgefahren wird. Ist aber nur die Straße vor dem Haus. Irgendwo schreit ein Kind. Nicht dieses kurze Schreien, wenn etwas passiert ist. Sondern dieses ausdauernde, zornige Schreien, bei dem man irgendwann unfreiwillig Anteil an einer familiären Auseinandersetzung nimmt, deren Ursache vermutlich ungefähr „Nein, jetzt nicht“ lautet.

Dann unterhalten sich zwei Menschen. Eigentlich nichts Besonderes. Nur befinden sie sich offenbar nicht nebeneinander. Der eine steht irgendwo unten. Der andere auf einem Balkon. Und beide haben beschlossen, dass die räumliche Distanz problemlos durch Lautstärke ausgeglichen werden kann.

„WAS?“
„ICH HAB GESAGT …“
„WAS HAST DU GESAGT?“

Ich weiß es inzwischen. Die halbe Straße wahrscheinlich auch. Und irgendwo: Piep. Piep. Piep. Der LKW lebt noch.

Könnt ihr bitte alle fünf Minuten still sein?

Dieser Gedanke ist natürlich vollkommen unangemessen. Die Welt kann schließlich nicht kurz den Betrieb einstellen, nur weil ich gerade meine Ruhe möchte. Menschen leben. Kinder schreien. Autos fahren. Häuser werden gebaut und renoviert. Pakete werden geliefert. Und vermutlich habe auch ich schon Geräusche produziert, bei denen irgendein Nachbar gedacht hat: Muss das jetzt sein? Wahrscheinlich sogar häufiger, als ich wissen möchte.

Trotzdem gibt es diese Tage, an denen ich am liebsten das Fenster schließen und draußen ein kleines Schild aufstellen würde: Heute bitte leiser. Jürgen ist voll.

Nicht böse. Nicht schlecht gelaunt. Einfach voll.

Vielleicht ist gar nicht die Welt lauter

Das ist nämlich das Interessante. Gestern hätte mich derselbe LKW vielleicht überhaupt nicht gestört. Das Kind hätte geschrien und ich hätte gedacht: Wird schon seinen Grund haben. Die beiden Balkonrufer hätten mich vermutlich sogar zum Schmunzeln gebracht. Heute nervt es.

Warum? Vielleicht, weil im eigenen Kopf längst genug Geräusche sind. Arbeit. Termine. Nachrichten. Gedanken. Handy. E-Mails. Dinge, die erledigt werden müssen. Dinge, die man nicht vergessen möchte. Und Dinge, über die man eigentlich gar nicht nachdenken wollte und es trotzdem tut. Dann kommt von draußen nur noch ein kleines Geräusch dazu. Piep.

Und genau dieses eine Piep ist plötzlich zu viel.

Ein bisschen weniger Welt

Vielleicht ist das auch etwas, das man sich gelegentlich eingestehen darf. Nicht jeder Tag verträgt dieselbe Menge Welt. Manchmal kann ich mitten in einem Café sitzen, Menschen beobachten, Gespräche hören und nebenbei schreiben. Und manchmal möchte ich einfach nur Ruhe.

Keine Musik.
Keinen Fernseher.
Kein Radio.
Kein Gespräch.

Einfach ein paar Minuten, in denen nichts von mir Aufmerksamkeit verlangt. Das ist gar nicht so leicht geworden. Denn selbst wenn draußen endlich der LKW weggefahren ist, tragen wir den nächsten kleinen Lärmverursacher meistens schon in der Hosentasche. Er vibriert. Er klingelt. Er zeigt etwas Neues an. Und wenn er es nicht tut, schauen wir vorsichtshalber nach, ob vielleicht doch etwas passiert ist.

Vielleicht brauchen wir deshalb manchmal gar keine Ruhe vor der Welt. Vielleicht brauchen wir einfach ein bisschen weniger Welt. Und während ich das schreibe, ist es draußen tatsächlich still geworden. Kein Bohren. Kein schreiendes Kind. Keine Balkonunterhaltung. Nicht einmal ein Auto.

Herrlich. Ich lehne mich zurück. Genau in diesem Moment höre ich es.
Ganz entfernt.
Piep. Piep. Piep.
Ach, komm.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen