Manchmal merkt man es nicht an der großen Erschöpfung. Sondern daran, dass eine einfache E-Mail plötzlich erstaunlich kompliziert wirkt, die To-do-Liste nervt und selbst der Kaffee keine neuen Ideen mehr hat. Vielleicht braucht man einfach mal eine Pause.

Es gibt diesen Moment, an dem man merkt: So langsam wäre eine Pause ganz schön.

Nicht, weil gar nichts mehr geht. Man steht morgens auf, macht seinen Alltag, erledigt seine Arbeit und bekommt die Dinge irgendwie hin. Eigentlich läuft alles.

Nur eben ein bisschen zäher.

Die Aufgaben sind dieselben wie vor ein paar Wochen. Trotzdem fühlen sie sich plötzlich größer an. Eine Mail, die normalerweise in drei Minuten beantwortet wäre, bleibt geöffnet. Man liest sie. Denkt nach. Liest sie noch einmal.

Was wollte der Mensch eigentlich von mir?

Vielleicht später.

Wenn Kleinigkeiten plötzlich anstrengend werden

Ich glaube, Urlaubsreife zeigt sich manchmal an erstaunlich kleinen Dingen.

Man sucht etwas, das direkt vor einem liegt. Man geht in einen Raum und weiß dort nicht mehr, weshalb man hingegangen ist. Man öffnet eine Datei, möchte etwas erledigen und entdeckt drei Minuten später, dass man inzwischen etwas vollkommen anderes macht.

Und natürlich diese eine Frage, die jemand völlig freundlich stellt.

Eine normale Frage.

Eine berechtigte Frage.

Eigentlich sogar eine ziemlich einfache Frage.

Und irgendwo tief im Inneren antwortet eine Stimme:

Was willst du denn jetzt auch noch von mir?

Man sagt das selbstverständlich nicht.

Wir sind schließlich zivilisierte Menschen.

Aber man denkt es.

Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem der eigene Akku vorsichtig anklopft und sagt:

Du. Wir sollten mal reden.

Der Rechner und ich brauchen Abstand

Man kann seine Arbeit mögen und trotzdem urlaubsreif sein.

Das finde ich wichtig.

Denn manchmal tun wir so, als wäre der Wunsch nach einer Pause automatisch ein Zeichen dafür, dass etwas im eigenen Alltag nicht stimmt.

Dabei kann sogar das Gegenteil der Fall sein.

Vielleicht hat man in den vergangenen Wochen viel gemacht. Viel gedacht. Entscheidungen getroffen. Dinge organisiert. Probleme gelöst. Termine gehabt. Projekte vorangebracht. Nebenbei das ganz normale Leben erledigt.

Nichts davon muss schlimm gewesen sein.

Es war einfach viel.

Und irgendwann sitzt man am Schreibtisch, schaut den Rechner an und denkt:

Wir beide brauchen ein bisschen Abstand voneinander.

Es liegt nicht an dir.

Es liegt an mir.

Vielleicht aber auch ein bisschen an dir.

Muss man sich eine Pause verdienen?

Interessant finde ich, wie schwer es manchen Menschen fällt, rechtzeitig eine Pause zu machen.

Erst muss noch dieses Projekt fertig werden.

Dann diese Aufgabe.

Die Woche schaffen wir noch.

Nächste Woche ist sowieso viel los.

Danach wäre vielleicht ein guter Zeitpunkt.

Und schon ist aus „Ich könnte mal eine Pause gebrauchen“ irgendwann „Ich kann wirklich nicht mehr“ geworden.

Dabei müsste Erholung doch eigentlich vorher beginnen.

Wir laden unser Smartphone schließlich auch nicht erst dann auf, wenn es sich bereits ausgeschaltet hat.

Bei uns selbst sind wir manchmal weniger vernünftig.

Vielleicht steckt dahinter noch immer diese Vorstellung, dass eine Pause etwas ist, das man sich verdienen muss.

Erst leisten.

Dann ausruhen.

Am besten aber erst dann, wenn wirklich alles erledigt ist.

Das Problem ist nur:

Wann ist eigentlich alles erledigt?

Es bleibt immer etwas übrig

Die To-do-Liste wird niemals vollkommen leer sein.

Irgendeine Mail könnte man noch beantworten. Irgendetwas könnte man vorbereiten. Da wäre noch eine Idee. Eine Kleinigkeit. Etwas, das man eigentlich schon längst machen wollte.

Man könnte immer noch etwas tun.

Vielleicht ist genau deshalb der richtige Zeitpunkt für eine Pause nicht dann, wenn nichts mehr zu tun ist.

Sondern dann, wenn man merkt, dass man sie braucht.

Nicht erst bei null Prozent.

Vielleicht schon bei zwanzig.

Oder dreißig.

Bevor aus Müdigkeit Gereiztheit wird. Bevor jede Kleinigkeit nervt. Bevor man morgens den Rechner einschaltet und ihn bereits dafür unsympathisch findet, dass er funktioniert.

Einfach mal weniger müssen

Und eine Pause muss nicht einmal bedeuten, dass man irgendwohin fährt.

Vielleicht ist es ein Wochenende ohne Termine. Ein Tag ohne Rechner. Ein Nachmittag draußen. Ein Buch. Ein Spaziergang. Ausschlafen. Kaffee trinken, ohne nebenbei schon die ersten Mails zu lesen.

Ein paar Stunden, in denen nicht ständig etwas erledigt werden muss.

Denn vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus einer Pause:

Nicht dauernd beim nächsten Punkt auf der Liste zu sein.

Einfach mal dort bleiben, wo man gerade ist.

Ohne schlechtes Gewissen.

Ich glaube, ich bin urlaubsreif

Vielleicht ist Urlaubsreife deshalb gar kein schlechtes Zeichen.

Vielleicht bedeutet sie nicht, dass man sein Leben, seine Arbeit oder seinen Alltag nicht mehr mag.

Vielleicht ist sie manchmal einfach das ziemlich vernünftige Signal eines Menschen, der eine Weile viel gegeben hat.

Dann darf man darauf hören.

Bevor der Akku leer ist.

Ich schaue auf meine To-do-Liste.

Eigentlich alles machbar.

Wirklich.

Ich lese den ersten Punkt. Dann den zweiten. Dann wieder den ersten.

Und denke: Ja. Ich glaube, ich bin urlaubsreif.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen