Am Morgen war alles wieder normal.

Fast enttäuschend normal.

Das Café roch noch leicht nach Kaffee und Kürbisgewürz vom Vortag. Auf einem Tisch lag ein vergessenes Zuckerpäckchen, unter einem Stuhl ein Stück schwarzer Faden, wahrscheinlich von irgendeinem Kostüm. Sonst nichts.

Keine Maske.

Kein Schimmern.

Keine Frau in einem Kleid aus einer anderen Zeit.

Nur ich, die Maschine und Ravenau draußen vor dem Fenster.

Ich machte Licht.

Zog die Rollläden hoch.

Stellte die ersten Tassen bereit.

Der Marktplatz lag noch dunkel da, aber nicht unheimlich. Eher müde. Halloween war vorbei. Die Nacht hatte ihren Job getan und den Platz wieder zurückgegeben.

Ich mochte das.

Vielleicht, weil man irgendwann auch genug davon hat, überall etwas sehen zu wollen.

Ich wischte die kleine Tafel mit dem Kürbislatte ab.

Zögerte.

Schrieb ihn wieder hin.

Ganz weg musste er ja nicht.

Dann sah ich hinaus.

Am anderen Ende des Platzes stand ein Mann.

Keine Maske.

Keine Kostümierung.

Dunkle Jacke. Dunkle Hose. Ganz normal.

Er stand mit dem Rücken zum Café.

Ich dachte zuerst gar nichts dabei.

Dann bewegte er sich.

Unter seinem Arm blitzte etwas Orangefarbenes hervor.

Nur kurz.

Vielleicht eine Tasche.

Vielleicht ein Schal.

Vielleicht irgendetwas völlig Belangloses.

Ich trat näher ans Fenster.

Der Mann ging langsam weiter.

Nicht in Richtung Café. Nicht zur Kirche. Einfach quer über den Platz.

Er drehte sich nicht um.

Ich hätte rausgehen können.

Habe ich nicht.

Man muss nicht jedem Menschen hinterherlaufen, nur weil Oktober war.

Oder weil man in den letzten Wochen zu viele Dinge gesehen hatte, die vielleicht nichts miteinander zu tun hatten.

Der Mann verschwand zwischen zwei Häusern.

Das war alles.

Keine Pointe.

Kein Zeichen.

Keine Erklärung.

Ich ging zurück zur Maschine.

Der erste Kaffee lief durch.

Draußen wurde es langsam heller.

Und Ravenau sah wieder aus wie Ravenau.

Vielleicht war genau das das Seltsamste daran.

Dass ein Ort einem wochenlang das Gefühl geben kann, etwas stimme nicht ganz — und am nächsten Morgen tut er so, als wäre nie etwas gewesen.

Ich stellte die erste Tasse auf den Tresen.

Neben der Maschine lag ein Kürbiskern.

Nur einer.

Ich nahm ihn zwischen zwei Finger.

Sah ihn an.

Dann warf ich ihn weg.

Halloween war schließlich vorbei.

Der Kürbislatte blieb trotzdem auf der Karte.

—

Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.