Ich habe keine Angst. Was war das für ein Geräusch?

Es gibt Männer, die haben vor nichts Angst. Zumindest sagen sie das. Dunkle Keller? Kein Problem. Horrorfilme? Kinderkram. Nachts allein durch den Wald? Aber selbstverständlich.

Und dann knackt es irgendwo im Haus.

Plötzlich wird aus dem furchtlosen Mann ein ausgesprochen aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung.

„Hast du das gehört?“

„Was denn?“

„Na, dieses Geräusch.“

„Welches Geräusch?“

„Pssst! Jetzt sei doch mal ruhig!“

Willkommen bei Samstags.

Heute ist Halloween. Und wir schauen Männern beim Gruseln zu.

Der Mann, der keine Angst hat

Ich finde ihn faszinierend. Diesen Mann, der bei jedem Horrorfilm lässig auf dem Sofa sitzt und behauptet, das alles sei vollkommen unrealistisch.

Während auf dem Bildschirm eine unheimliche Gestalt langsam aus der Dunkelheit auftaucht, erklärt er ausführlich, warum er sich in dieser Situation natürlich ganz anders verhalten würde.

„Also ich würde da niemals reingehen.“

Sehr vernünftig.

Zehn Minuten später öffnet die Hauptfigur trotzdem die Kellertür. Natürlich ohne Licht. Natürlich allein.

Unser Mann schüttelt den Kopf.

„Selber schuld.“

Dann kommt der Schreckmoment.

Er zuckt zusammen.

Nur ganz kurz.

„Ich hab mich nicht erschrocken. Das war bloß laut.“

Natürlich.

Der Keller

Es gibt Keller, die sind vollkommen harmlos. Sauber, hell, ordentlich. Mit Regalen, Waschmaschine und vielleicht einem Vorrat an Getränken.

Und dann gibt es Keller, bei denen man sich fragt, ob die Beleuchtung absichtlich so gestaltet wurde, dass man sich wie in einem Horrorfilm fühlt.

Eine einzelne Glühbirne. Ein langer Gang. Irgendwo tropft Wasser.

Eigentlich wollte man nur eine Flasche holen.

Doch plötzlich hört man etwas.

Ein Kratzen. Ein Knacken. Vielleicht war es auch nur die Heizung.

Man bleibt stehen.

Hört noch einmal hin.

Nichts.

Also geht man weiter. Etwas schneller als vorher.

Und beim Verlassen des Kellers wird das Licht selbstverständlich ganz normal ausgeschaltet.

Mit anschließendem zügigem Treppenaufstieg.

Wir wollen schließlich Energie sparen.

Männer und Horrorfilme

Auch interessant: Männer, die Horrorfilme lieben.

Da wird begeistert über Zombies, Geister, Dämonen und allerlei andere unangenehme Zeitgenossen gesprochen. Je unheimlicher, desto besser.

Ich frage mich manchmal, warum man sich freiwillig zwei Stunden lang erschrecken lassen möchte.

Aber gut. Andere Menschen fahren Achterbahn.

Wahrscheinlich geht es um diesen besonderen Nervenkitzel. Man weiß, dass man sicher auf dem Sofa sitzt. Dass hinter der Tür kein Monster wartet und im Badezimmer kein Geist wohnt.

Jedenfalls höchstwahrscheinlich.

Schwierig wird es nur, wenn der Film vorbei ist.

Der Fernseher wird ausgeschaltet.

Das Wohnzimmer ist plötzlich still.

Und auf dem Weg ins Schlafzimmer fällt einem ein, dass man noch schnell ins Bad müsste.

Warum wirkt der Flur eigentlich heute so lang?

Das Geräusch in der Nacht

Ich glaube, jeder kennt diese Situation.

Man liegt im Bett. Es ist ruhig. Vielleicht ist man gerade dabei einzuschlafen.

Dann macht es irgendwo:

*Knack.*

Man öffnet die Augen.

Wahrscheinlich arbeitet das Holz. Oder die Heizung. Vielleicht hat draußen jemand eine Autotür zugeschlagen.

Alles vollkommen normale Erklärungen.

Trotzdem hört man plötzlich genauer hin.

War da noch etwas?

Man lauscht.

Und lauscht.

Bis einem auffällt, dass man jetzt jedes noch so kleine Geräusch wahrnimmt.

Das Ticken der Uhr. Den Kühlschrank. Den Wind am Fenster.

Großartig.

Vor fünf Minuten war man noch müde.

Jetzt könnte man vermutlich die gesamte Nachbarschaft überwachen.

Und dann gibt es die ganz anderen Ängste

Natürlich ist Gruseln nicht immer lustig.

Es gibt Ängste, über die wir Männer nicht so gern sprechen. Angst vor Veränderungen. Vor dem Älterwerden. Vor dem Scheitern. Davor, jemanden zu verlieren oder selbst irgendwann nicht mehr alles im Griff zu haben.

Das sind keine Gespenster, die nachts aus dem Schrank springen. Und man kann sie auch nicht einfach vertreiben, indem man das Licht einschaltet.

Vielleicht haben wir Männer manchmal noch immer den Anspruch an uns selbst, möglichst unerschrocken durchs Leben zu gehen.

Stark sein. Ruhe bewahren. Keine Schwäche zeigen.

Dabei ist Angst nichts Unmännliches.

Sie gehört zum Leben. Genauso wie Mut.

Und vielleicht beginnt Mut manchmal schon damit, zuzugeben, dass man sich vor etwas fürchtet.

Ich mache lieber das Licht an

Ich persönlich finde, man muss nicht jede Mutprobe bestehen.

Wenn ich nachts ein merkwürdiges Geräusch höre, darf ich nachsehen. Wenn mir ein Film zu unheimlich wird, darf ich umschalten. Und wenn ich im Dunkeln nichts erkennen kann, mache ich eben das Licht an.

Das ist keine Niederlage.

Das ist praktische Lebensführung.

Und überhaupt: Wer hat eigentlich beschlossen, dass Männer keine Angst haben dürfen?

Vielleicht sind wir manchmal gerade dann besonders mutig, wenn wir nicht so tun, als wären wir unverwundbar.

Aber heute ist Halloween. Deshalb wollen wir es mit den großen Gedanken auch nicht übertreiben.

Ich wünsche euch einen schönen Samstag. Mit Kürbissen, Kerzen, vielleicht einem guten Gruselfilm und möglichst wenigen unerklärlichen Geräuschen.

Und falls heute Abend irgendwo eine Tür knarrt, obwohl niemand in der Nähe ist?

Ganz ruhig bleiben.

Das war bestimmt nur der Wind.

Bestimmt.

Wir beobachten. Wir urteilen nicht.

Na ja. Zumindest versuchen wir es.

Schließlich ist Samstag.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen