Heute Morgen standen drei Menschen vor der Kirche.

Nicht viele. Nicht genug, um von einer Menschenansammlung zu sprechen. Aber genug, dass man hinsieht, wenn man jeden Morgen auf denselben Platz schaut und ungefähr weiß, wo normalerweise niemand einfach so stehen bleibt.

Eine Frau hatte das Handy in der Hand.

Ein Mann daneben schüttelte den Kopf.

Der Dritte stand nur da.

Ich stellte die erste Kanne ab und sah noch einmal hinaus.

Dann erkannte ich es.

Gelb.

Nicht die ganze Wand. Kein Schriftzug. Kein großes Graffiti, über das man sich wenigstens hätte eindeutig aufregen können.

Nur ein Stein.

Einer von wahrscheinlich hunderten Backsteinen an der Seitenwand der Kirche war gelb besprüht worden.

Knallig gelb.

So gelb, dass der Blick automatisch daran hängen blieb, obwohl ringsherum viel mehr Stein war als Farbe.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, als ich kurz vor die Tür trat. Vielleicht irgendeine Erklärung. Einen Namen. Ein Symbol. Irgendetwas, das aus der Sache einen Sinn gemacht hätte.

Da war nichts.

Nur dieser eine gelbe Stein.

„Was soll denn das?“, fragte die Frau mit dem Handy.

Niemand antwortete.

Es war vermutlich die vernünftigste Reaktion.

Manchmal gibt es nichts zu erklären, obwohl alle sofort damit anfangen möchten.

Als das Café richtig öffnete, war der Stein längst Gesprächsthema.

„Sachbeschädigung“, sagte einer.

„Kunst“, sagte jemand anderes.

„Blödsinn“, sagte ein Dritter und damit war eigentlich schon ziemlich viel abgedeckt.

Eine ältere Dame war überzeugt, dass Jugendliche dahinterstecken. Ein jüngerer Mann fand diese Theorie erstaunlich bequem. Jemand fragte, ob die Kirche jetzt die ganze Wand reinigen lassen müsse.

Ich dachte nur:

Warum genau dieser eine?

Das war es, was mich störte.

Eine ganze besprühte Wand hätte ich verstanden. Nicht gut gefunden, aber verstanden. Wut braucht manchmal Fläche. Ein Name braucht Platz. Selbst Unsinn wird meistens größer, wenn jemand sich nachts die Mühe macht, Farbe mitzunehmen.

Aber ein einzelner Backstein?

Das wirkte fast sorgfältig.

Nicht schön.
Nicht richtig.
Aber entschieden.

Gegen Mittag standen wieder Menschen davor. Manche fotografierten den Stein. Einer berührte ihn sogar kurz mit dem Finger, als könnte man dadurch feststellen, ob Gelb anders fühlt als Rot oder Grau.

Der Pfarrer kam später heraus.

Der neue.

Ich hatte ihn inzwischen ein paarmal gesehen, aber noch nicht oft genug, um sagen zu können, was für ein Mensch er ist. Er stellte sich vor die Wand, sah lange auf den Stein und tat dann etwas, mit dem offenbar niemand gerechnet hatte.

Nichts.

Er hob nicht die Hände. Er schüttelte nicht den Kopf. Er rief niemanden zusammen. Er sah einfach nur hin.

Dann ging er wieder hinein.

Vielleicht hatte er beschlossen, sich erst später darüber aufzuregen.

Vielleicht fand er es gar nicht so schlimm.

Vielleicht wusste er mehr als wir.

Man wird schnell fantasievoll, wenn eine Stadt einem keine Antworten gibt.

Ich ging zurück ins Café.

Am Nachmittag fiel die Sonne so auf die Kirchenwand, dass das Gelb plötzlich noch heller wirkte. Für einen Moment sah es beinahe aus, als hätte jemand versucht, einen einzelnen Stein aus der Wand herauszuholen, ohne ihn anzufassen.

Und natürlich dachte ich wieder an Gelb.

An das Radschloss.
Den Schal.
Die Tasse.
Den Rollator.

Ich ärgerte mich fast über mich selbst.

Es ist nur eine Farbe.

Menschen tragen Gelb. Dinge sind gelb. Blumen. Fahrräder. Schilder. Tassen. Es gibt wahrscheinlich mehr Gelb in Ravenau, als mir früher aufgefallen ist.

Vielleicht schaue ich inzwischen einfach zu genau hin.

Später kam ein Mann mit Bürste, Eimer und Reinigungsmittel.

Er arbeitete eine ganze Weile an dem Stein.

Das Gelb wurde blasser.

Aber es verschwand nicht ganz.

Am Abend war noch immer ein leichter Schatten davon zu sehen. Nicht genug, dass jemand, der nichts davon wusste, stehen geblieben wäre.

Aber ich wusste es.

Und vielleicht ist das bei manchen Dingen das eigentliche Problem.

Nicht, dass man sie noch sieht.

Sondern dass man einmal angefangen hat, auf sie zu achten.

Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.