Heute Morgen war etwas kaputt, bevor der Tag überhaupt angefangen hatte.
Ich sah es schon von der anderen Straßenseite.
Nicht sofort richtig. Erst nur dieses falsche Glitzern auf dem Boden, dort, wo sonst um diese Uhrzeit höchstens ein paar Tropfen vom nächtlichen Regen liegen oder jemand zu früh eine Zeitung verloren hat.
Dann kam ich näher.
Das große Fenster links neben der Tür war eingeschlagen.
Nicht komplett. Die Scheibe hing noch im Rahmen, durchzogen von diesen feinen Linien, die Glas bekommt, wenn es eigentlich schon aufgegeben hat und nur noch so tut, als würde es zusammenhalten. Unten lagen Scherben auf dem Pflaster. Kleine. Große. Manche so klar, dass man sie fast nicht sah.
Ich blieb davor stehen.
Und das Erste, was ich dachte, war nicht: Wer macht so etwas?
Sondern: Warum fühlt sich das gerade so persönlich an?
Es ist nur ein Fenster.
Glas, Rahmen, Versicherung, Handwerker. Dinge, für die es Telefonnummern gibt. Dinge, die ersetzt werden können. Ich weiß das.
Trotzdem sah das Café plötzlich verletzt aus.
Vielleicht liegt es daran, dass man jeden Tag durch dieselbe Scheibe schaut. Auf den Marktplatz, auf die Kirche, auf Menschen, die kommen und gehen. Ein Fenster gehört irgendwann nicht mehr zum Gebäude. Es gehört zum Blick.
Und heute Morgen war dieser Blick kaputt.
Ich schloss die Tür auf und ging hinein. Drinnen lagen noch ein paar Splitter, weiter als ich gedacht hatte. Einer direkt vor dem Tresen. Einer neben dem Tisch am Fenster. Ich holte Besen und Kehrschaufel und begann aufzuräumen.
Das Geräusch von Glas auf dem Boden ist unangenehm.
Nicht laut. Eher endgültig.
Kurz nach sieben blieb der erste Stammgast draußen stehen und sah mich durch die beschädigte Scheibe an.
Er zeigte darauf.
Ich nickte.
Er kam herein.
„Was war denn da los?“
„Keine Ahnung.“
„Eingebrochen?“
Ich sah mich um.
Nichts fehlte. Die Kasse war unberührt. Die Tür war heil. Drinnen sah alles aus wie gestern Abend, nur dass zwischen draußen und drinnen plötzlich etwas nicht mehr stimmte.
„Sieht nicht so aus.“
Das machte es irgendwie nicht besser.
Im Laufe des Vormittags blieb fast jeder kurz vor dem Fenster stehen. Manche kamen deshalb herein. Manche sahen nur. Einer fotografierte es. Eine Frau sagte, dass so etwas früher in Ravenau nicht passiert wäre, was wahrscheinlich ungefähr so wahr war wie die meisten Sätze, die mit „früher“ anfangen.
Vielleicht war es ein Stein.
Vielleicht eine Flasche.
Vielleicht jemand, der nachts zu viel Wut übrig hatte und zu wenig wusste, wohin damit.
Man sucht automatisch nach einer Erklärung, wenn etwas kaputtgeht. Als würde der Grund das Loch kleiner machen.
Tat er nicht.
Gegen Mittag kam jemand, um die Scheibe provisorisch zu sichern. Für eine Weile standen Werkzeug, Klebeband und zwei Männer vor dem Fenster und machten aus meinem Café etwas, das nach Baustelle aussah. Die Gäste mussten ein bisschen anders sitzen. Der Tisch direkt an der Scheibe blieb leer.
Ausgerechnet der Tisch, an dem sonst so viele Geschichten vorbeiziehen.
Ich merkte erst am Nachmittag, wie oft ich dorthin sah.
Nicht auf die kaputte Scheibe.
Auf den leeren Stuhl davor.
Es ist seltsam, was einen an einem Ort wirklich trifft. Nicht der Schaden selbst. Nicht die Rechnung, die irgendwann kommt. Sondern diese kleine Veränderung im Gewohnten. Dass jemand nicht an seinem Platz sitzt. Dass Licht anders in einen Raum fällt. Dass man plötzlich merkt, wie selbstverständlich man etwas genommen hat, bis es nicht mehr da ist.
Später stand ich hinter dem Tresen und sah durch das gesicherte Fenster hinaus.
Ravenau war noch da.
Natürlich.
Der Marktplatz auch. Die Kirche. Die Leute. Ein Fahrrad fuhr vorbei. Jemand trug Blumen. Zwei Männer diskutierten vor einer Bank über irgendetwas, das vermutlich morgen schon nicht mehr wichtig sein würde.
Nur die Scheibe zwischen uns war kaputt.
Vielleicht ist das beruhigend.
Dass ein Ort nicht aufhört, ein Ort zu sein, nur weil etwas an ihm verletzt wurde.
Man repariert es.
Nicht sofort. Nicht unsichtbar.
Aber man repariert es.
Und morgen mache ich wieder auf.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.


