Am 2. Januar 1995 begann „Verbotene Liebe“. Im Oktober desselben Jahres lernte ich Werner kennen. 4.664 Folgen später ist die Serie längst beendet. Wir schauen sie trotzdem wieder. Zum zweiten Mal in Wiederholung – komplett. Wenn das keine Liebe ist.

Manche Jahreszahlen bleiben hängen.

1995 ist für mich so eine. Am 2. Januar dieses Jahres startete im deutschen Fernsehen eine neue Daily Soap: „Verbotene Liebe“. Und im Oktober lernte ich Werner kennen. Damals konnte natürlich keiner von uns wissen, welche Rolle diese beiden Ereignisse in meinem Leben einmal spielen würden. Okay. Beim ersten war die Rolle vielleicht ein kleines bisschen weniger bedeutend als beim zweiten. Aber irgendwie gehören beide für mich bis heute zusammen.

Denn „Verbotene Liebe“ wurde unsere Serie.

Jeden Tag ein bisschen Düsseldorf, Adel und Drama

Wer „Verbotene Liebe“ damals gesehen hat, weiß vermutlich sofort, was ich meine. Da waren diese großen Familien.

Die von Anstettens. Später die von Lahnsteins.

Adel, Macht, Geld, Liebe, Intrigen und natürlich Geheimnisse, die unter normalen Umständen vermutlich keine Familie länger als drei Weihnachtsessen überstanden hätte.

Bei „Verbotene Liebe“ gehörten sie zum Alltag. Und wir liebten es. Es gab Helden. Es gab Antagonisten.

Und besonders schön waren natürlich diejenigen Figuren, bei denen man irgendwann selbst nicht mehr so genau wusste, zu welcher Seite sie eigentlich gehörten.

Man konnte sie verfluchen. Man konnte über sie den Kopf schütteln. Und irgendwie musste man sie trotzdem lieben. Genau davon lebte „Verbotene Liebe“.

Aber eigentlich geht es mir gar nicht um die Handlung

Denn wenn ich heute an die Serie denke, fallen mir natürlich Figuren und Geschichten ein. Aber noch viel stärker denke ich an Zeit. An gemeinsame Zeit. „Verbotene Liebe“ begann in dem Jahr, in dem auch unsere gemeinsame Geschichte begann. Und während sich im Fernsehen Menschen fanden, trennten, betrogen, versöhnten und wahrscheinlich wesentlich häufiger ihre Familienzugehörigkeit infrage stellen mussten als der durchschnittliche Mitteleuropäer, ging draußen unser eigenes Leben weiter.

Jahr für Jahr. Aus einem Kennenlernen wurde eine Beziehung. Aus einer Beziehung wurde gemeinsames Leben. Und irgendwo dazwischen lief „Verbotene Liebe“.

Fernsehen war damals noch ein Termin

Das vergisst man heute schnell. 1995 konnten wir nicht einfach sagen: „Ach, schauen wir später.“ Später war die Folge vorbei. Streaming gab es nicht. Mediatheken ebenfalls nicht. Eine komplette Staffel an einem Wochenende durchzuschauen, hätte damals höchstens funktioniert, wenn jemand mit ungefähr 48 Videokassetten vor der Tür gestanden hätte.

Fernsehen hatte einen festen Platz im Tagesablauf. Und eine Daily Soap erst recht. Man wusste, wann sie kam. Man wusste, wo man dann saß. Und irgendwann gehörte dieses kleine Ritual zum Leben. Vielleicht entsteht gerade dadurch eine Bindung, die heutige Serien manchmal schwerer herstellen können. Nicht unbedingt, weil sie schlechter wären. Ganz im Gegenteil.

Sondern weil wir heute Fernsehen anders konsumieren. Wir entscheiden, wann eine Serie beginnt. Wir entscheiden, wann sie endet. Und manchmal entscheiden wir sogar um zwei Uhr nachts: Eine Folge geht noch. Damals entschied das Fernsehprogramm.

4.664 Folgen später

„Verbotene Liebe“ brachte es auf 4.664 Folgen. Schon diese Zahl ist einigermaßen verrückt. Noch verrückter ist allerdings etwas anderes: Wir schauen sie heute wieder. Nicht ein paar ausgewählte Folgen. Nicht nur die großen Momente. Wir schauen „Verbotene Liebe“ noch einmal.

Und inzwischen sogar zum zweiten Mal in der Wiederholung.

Ja. 4.664 Folgen. Noch einmal. Und noch einmal. Wenn das keine Liebe ist, weiß ich auch nicht.

Und erstaunlicherweise funktioniert es noch immer

Natürlich schaut man die Serie heute mit anderen Augen. Manches wirkt herrlich aus der Zeit gefallen. Bei manchen Szenen denkt man sich vielleicht: Das würde heute vermutlich etwas anders erzählt. Und manchmal weiß man sogar schon, was passieren wird. Aber das macht überhaupt nichts.

Denn plötzlich tauchen Menschen auf dem Bildschirm auf, die einem merkwürdig vertraut sind. Die Anstettens sind wieder da. Die Lahnsteins kommen wieder. Alte Helden kehren zurück. Die Antagonisten treiben wieder ihr Unwesen. Und irgendwo sitzt man selbst und freut sich darüber, obwohl man die Geschichte längst kennt.

Vielleicht ist das ein bisschen wie bei einem Lieblingsbuch. Man liest es schließlich auch nicht ein zweites Mal, weil man vergessen hat, wie es ausgeht. Man liest es wieder, weil man das Gefühl noch einmal erleben möchte.

Vielleicht schauen wir dabei auch ein bisschen unser eigenes Leben

Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb „Verbotene Liebe“ für mich nie einfach irgendeine Fernsehserie sein wird. Sie ist mit Erinnerungen verbunden. Mit Abenden. Mit Wohnungen. Mit Gesprächen. Mit bestimmten Phasen unseres Lebens. Und vor allem mit Werner.

Wenn eine Serie fast zeitgleich mit einer Beziehung beginnt und beide einen über viele Jahre begleiten, verschwimmen irgendwann Fernsehen und persönliche Erinnerung ein kleines bisschen miteinander.

Nicht, weil die Serie so wichtig wäre wie das echte Leben. Natürlich nicht.

Sondern weil sie Teil dieses echten Lebens geworden ist. Eine vertraute Begleitung im Hintergrund.

Unsere verbotene Liebe war zum Glück nie verboten

Vielleicht gefällt mir dieser Gedanke heute besonders. 1995 startete eine Serie namens „Verbotene Liebe“. Und 1995 begann auch unsere Geschichte.

Für zwei Männer war Liebe damals gesellschaftlich noch längst nicht überall so selbstverständlich, wie sie es heute sein sollte. Auch das darf man nach mehr als drei Jahrzehnten ruhig einmal festhalten.

Seitdem hat sich viel verändert. Im Fernsehen. In der Gesellschaft. Und in unserem Leben.

Wir sind älter geworden. Das Fernsehen auch. Die Art, wie wir Serien schauen, sowieso.

Nur eines hat sich offenbar nicht geändert: Wenn irgendwo die von Anstettens oder die von Lahnsteins auftauchen, bleiben wir hängen.

Heute müssen wir allerdings nicht mehr auf die nächste Folge warten.

Was durchaus praktisch ist.

Wenn das keine Liebe ist …

Vor ein paar Tagen habe ich über das Ende von „Unter uns“ geschrieben. Die Serie hat mich über viele Jahre begleitet, obwohl sie nie wirklich meine war. Beim Schreiben wurde mir klar, wie sehr Fernsehserien zu Zeitmarken unseres Lebens werden können.

Bei „Verbotene Liebe“ ist das anders. Die Serie war nicht einfach da. Sie gehörte zu uns. Und vielleicht ist das auch der Grund, weshalb wir uns heute tatsächlich noch einmal durch 4.664 Folgen schauen.

Zum zweiten Mal. Vernünftig? Darüber können wir diskutieren.

Aber wenn nach all diesen Jahren Werner neben mir sitzt und wieder einmal irgendein Mitglied einer dieser herrlich verrückten Adelsfamilien für das nächste Drama sorgt, denke ich mir:

Eigentlich ist das ziemlich schön. Eine Serie aus dem Jahr, in dem wir uns kennengelernt haben. Ein gemeinsames Ritual von damals.

Und zwei Männer, die mehr als drei Jahrzehnte später immer noch gemeinsam davor sitzen. Wenn das keine Liebe ist …

Und Du? Welche Serie gehört zu Deinem Leben?

Nicht unbedingt die beste Serie, die Du je gesehen hast. Sondern die eine, bei der ein paar Sekunden reichen und plötzlich Erinnerungen an Menschen, Orte und eine ganz bestimmte Zeit wieder da sind.

Man liest sich.
Jürgen