Hey Männer,
zwei Leute vor mir an der Kasse. Eigentlich kein Problem. Sollte man meinen. Doch dann sucht jemand Kleingeld. Ganz unten in der Tasche. Natürlich.
Vor mir wird schon hörbar ausgeatmet. Jemand schaut demonstrativ auf die Uhr. Und spätestens nach einer gefühlten Ewigkeit von ungefähr 47 Sekunden beginnt dieses leichte Hin-und-her-Wippen, das offenbar ausdrücken soll: Ich habe Wichtigeres zu tun!
Und ich frage mich: Kann eigentlich noch jemand warten?
Alles muss sofort passieren
Wir haben uns an Geschwindigkeit gewöhnt. Eine Nachricht verschickt? Am besten sofort eine Antwort. Eine Website angeklickt? Wenn sie nicht augenblicklich lädt, stimmt etwas nicht. Ein Zug hat ein paar Minuten Verspätung? Katastrophe. Vor uns läuft jemand etwas langsamer? Vorbei! Und wehe, an der Supermarktkasse öffnet nicht innerhalb weniger Sekunden eine zweite Kasse. „Können Sie nicht noch jemanden rufen?“
Manchmal habe ich das Gefühl, wir führen einen permanenten Kampf gegen jede Minute, in der gerade einmal nichts passiert. Dabei frage ich mich: Was machen wir eigentlich mit all der Zeit, die wir dadurch angeblich gewinnen?
Ich kann das übrigens auch
Bevor hier der Eindruck entsteht, ich würde tiefenentspannt durchs Leben schweben: Nein. 😄
Auch ich kenne das. Wenn etwas auf dem Bildschirm länger dauert, klicke ich noch einmal. Was es selbstverständlich überhaupt nicht schneller macht. Wenn ein Zug nicht kommt, schaue ich auf die Anzeige. Dann aufs Handy. Dann wieder auf die Anzeige. Als könnte ich den Zug durch besonders intensives Beobachten doch noch pünktlich machen.
Und wenn ich auf eine wichtige Antwort warte, kann auch ich plötzlich erstaunlich häufig meinen Posteingang aktualisieren. Wir haben das Warten irgendwie verlernt. Vielleicht liegt es am „Sofort“
Unser Alltag hat sich verändert. Wir bestellen etwas und können verfolgen, wo sich das Paket gerade befindet. Wir schicken Nachrichten und sehen manchmal sogar, ob sie gelesen wurden. Filme beginnen dann, wenn wir sie sehen wollen. Musik läuft auf Knopfdruck. Informationen sind innerhalb von Sekunden verfügbar. Das ist großartig. Ich möchte vieles davon überhaupt nicht missen.
Aber vielleicht hat dieses ständige „sofort“ auch etwas mit uns gemacht. Aus Warten wurde Zeitverschwendung. Aus Geduld wurde Ungeduld. Und aus drei Minuten plötzlich eine Zumutung.
Nicht jede Minute muss einen Zweck haben
Vielleicht dürfen wir diese kleinen Wartezeiten wieder anders betrachten. Drei Minuten an der Kasse. Fünf Minuten an der Haltestelle. Ein paar Augenblicke vor einer roten Ampel. Wir müssen in dieser Zeit nichts erledigen. Nicht schnell Nachrichten beantworten. Nicht die neuesten Meldungen lesen. Nicht schon die nächste Aufgabe planen.
Wir könnten einfach dastehen. Schauen. Denken. Oder sogar einmal: gar nichts machen. Verrückte Vorstellung, ich weiß. 😉
Und manchmal braucht ein Mensch eben länger
Vielleicht gehört zum Warten aber noch etwas anderes. Rücksicht. Der ältere Mann vor mir braucht etwas länger, um sein Geld einzupacken? Dann braucht er eben länger. Jemand versteht den Fahrkartenautomaten nicht sofort? Kann passieren. Eine Frau steht mit Rollator vor mir und kommt nicht so schnell durch die Tür, wie ich es gerne hätte? Dann warte ich. Denn irgendwann bin vielleicht ich derjenige, hinter dem jemand ungeduldig mit den Füßen scharrt. Und dann hoffe ich sehr, dass dieser Mensch nicht vergessen hat, dass wir keine Maschinen sind.
Warten ist nicht verlorene Zeit
Natürlich gibt es Situationen, in denen Verspätungen nerven. Natürlich darf man sich ärgern, wenn man einen Termin verpasst oder zum dritten Mal vertröstet wird. Darum geht es mir nicht. Mir geht es um diese kleinen Momente im Alltag. Um die Sekunden und Minuten, gegen die wir inzwischen kämpfen, als würden sie uns gestohlen. Vielleicht brauchen wir nicht überall mehr Geschwindigkeit. Vielleicht brauchen wir wieder etwas mehr Geduld. Mit anderen. Mit dem Alltag. Und manchmal auch mit uns selbst.
Denn nicht alles muss sofort passieren. Manches darf einfach ein bisschen dauern. Auch dieser Artikel ist jetzt übrigens zu Ende. Ihr dürft also weiter. 😄
Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen


