Er kommt inzwischen regelmäßig.
Nicht jeden Tag. Nicht immer zur selben Uhrzeit. Aber oft genug, dass ich irgendwann aufgehört habe, mich zu fragen, ob ich ihn schon einmal gesehen habe.
Ich kenne seine Bestellung.
Wasser.
Mehr nicht.
Kein Kaffee. Kein Kuchen. Kein Eis. Keine Milchalternative, kein Matcha, kein Espresso, nichts von all dem, wofür Menschen normalerweise in ein Café kommen.
Nur Wasser.
Beim ersten Mal dachte ich, er würde noch etwas bestellen. Beim zweiten Mal vielleicht auch. Beim dritten Mal wusste ich es besser.
Er setzt sich meistens an einen Tisch, der weder besonders gut noch besonders schlecht ist. Nicht direkt am Fenster, nicht hinten in der Ecke. Eher irgendwo dazwischen. Ein Platz, an dem man gleichzeitig gesehen werden kann und trotzdem nicht das Gefühl hat, im Mittelpunkt zu sitzen.
Dann trinkt er sein Wasser.
Langsam.
Zwanzig Minuten vielleicht. Manchmal eine halbe Stunde.
Er schaut nicht viel aufs Handy. Das fällt inzwischen schon fast auf. Kein ständiges Wischen, kein Tippen, kein hektisches Prüfen irgendwelcher Nachrichten. Manchmal sieht er hinaus. Manchmal einfach nur in den Raum.
Und manchmal gar nirgendwohin.
Ich habe mich irgendwann gefragt, warum jemand regelmäßig in ein Café geht, wenn er eigentlich nichts vom Café möchte.
Das ist natürlich Unsinn.
Vielleicht will er genau das.
Den Ort.
Nicht den Kaffee.
Nicht den Kuchen.
Nicht das Angebot.
Nur einen Tisch. Ein Glas. Ein bisschen Zeit zwischen anderen Menschen.
Man denkt in der Gastronomie schnell in Bestellungen. In Umsatz. In Dingen, die auf Karten stehen und irgendwann bezahlt werden. Aber vielleicht kommen manche Menschen gar nicht deshalb.
Vielleicht kommen sie, weil sie nicht allein sitzen wollen.
Oder weil sie zuhause genug von sich selbst haben.
Oder weil ein Café der einzige Ort ist, an dem man zwanzig Minuten still sein darf, ohne dass jemand fragt, ob alles in Ordnung ist.
Heute kam er wieder gegen elf.
„Wie immer?“, fragte ich.
Er sah mich kurz an und lächelte.
„Wie immer.“
Ich stellte ihm das Wasser hin.
Er zahlte trotzdem jedes Mal. Auch wenn ich ihm irgendwann gesagt hatte, dass ein Glas Wasser wirklich kein großes Geschäft sei. Er bestand darauf.
„Ich sitze ja auch hier“, hatte er gesagt.
Das gefiel mir.
Nicht der Satz selbst. Eher die Haltung dahinter.
Als würde ein Platz etwas wert sein, auch wenn man ihn nicht mit mehr füllt als sich selbst.
Draußen war der Marktplatz heute wieder belebter als zuletzt. Zwei Fahrräder standen schief an der Kirche, ein Lieferwagen rang mit einer Kurve, die eigentlich breit genug war, und auf einer der frisch gestrichenen Bänke saß bereits jemand so selbstverständlich, als hätte es den alten Lack nie gegeben.
Der Mann mit dem Wasser sah eine Weile hinaus.
Dann legte er beide Hände um das Glas.
Nicht weil es kalt war. Eher so, als würde er etwas festhalten wollen, das weder wegläuft noch eine Antwort erwartet.
Vielleicht bilde ich mir zu viel ein.
Das passiert, wenn man lange genug hinter einem Tresen steht.
Man beobachtet Menschen, bis aus Bewegungen Geschichten werden. Manche stimmen. Manche wahrscheinlich überhaupt nicht.
Vielleicht hat er einfach keinen Durst auf Kaffee.
Vielleicht mag er keinen Kuchen.
Vielleicht ist Wasser eben genau das, was er möchte.
Aber als er heute ging, blieb sein Stuhl noch einen Moment schief am Tisch stehen. Das Glas war leer. Kein Krümel, keine Tasse, kein Löffel, nichts, was daran erinnerte, dass jemand eine halbe Stunde dort gewesen war.
Und trotzdem wirkte der Platz nicht unbenutzt.
Vielleicht braucht ein Café nicht immer eine Bestellung, damit etwas darin passiert.
Manchmal reicht ein Mensch. Und ein Glas Wasser.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.


