Heute stellte ich zwei Gläser hin.

Aus Gewohnheit.

Er kam wie immer gegen halb elf. Nicht auf die Minute genau, aber ungefähr. Einer von diesen Menschen, bei denen man irgendwann nicht mehr auf die Uhr schauen muss, weil der Tag selbst Bescheid zu wissen scheint.

Normalerweise kommt er nicht allein.

Sie sitzen fast immer am selben Tisch, etwas seitlich vom Fenster. Nicht der schönste Platz im Café, aber einer, an dem man den Marktplatz sehen kann, ohne selbst ständig gesehen zu werden.

Heute setzte er sich allein.

Ich bemerkte es sofort.

Nicht weil er anders wirkte. Eher, weil neben ihm etwas fehlte.

Ich brachte das Wasser und stellte zwei Gläser auf den Tisch.

Er sah kurz auf das zweite.

Dann zu mir.

„Heute nur eins.“

Mehr sagte er nicht.

„Natürlich.“

Ich nahm das Glas wieder mit.

Es ist erstaunlich, wie unangenehm leicht so ein leeres Glas plötzlich wird.

Ich hätte fragen können.

Wo ist sie?
Kommt sie später?
Ist alles in Ordnung?

Tat ich nicht.

Manchmal ist Zurückhaltung die höflichste Form von Interesse.

Er bestellte Kaffee. Den gleichen wie immer. Sonst bestellt die andere Person meistens etwas Süßes dazu. Heute blieb der kleine Teller weg. Auch das fiel mir auf.

Vielleicht schaut man zu genau hin, wenn man Menschen lange genug kennt, ohne wirklich etwas über sie zu wissen.

Er saß da und sah hinaus.

Nicht traurig. Nicht unruhig. Einfach stiller als sonst.

Draußen lief Ravenau seinen ganz normalen Vormittag. Ein Lieferwagen hielt kurz vor der Kirche. Zwei Jugendliche stritten darüber, wer wem etwas geschickt hatte. Ein Mann trug einen Karton über den Platz, der offensichtlich schwerer war als geplant.

Alles ging weiter.

Drinnen blieb ein Stuhl frei.

Später kam eine Frau herein, sah kurz zu dem Tisch und setzte sich dann woanders hin. Nicht weil jemand dort reserviert hätte. Vielleicht nur, weil freie Plätze manchmal trotzdem besetzt wirken.

Das fand ich merkwürdig.

Und irgendwie richtig.

Der Mann trank seinen Kaffee langsam. Einmal nahm er das Handy in die Hand, sah darauf und legte es wieder hin. Keine Nachricht, die ich sehen konnte. Kein Anruf.

Vielleicht wartete er.

Vielleicht auch nicht.

Nach einer Weile zahlte er.

„Bis nächste Woche“, sagte ich.

Er zog die Jacke an und nickte.

„Mal sehen.“

Zwei Wörter.

Nicht mehr.

Nachdem er gegangen war, räumte ich den Tisch ab. Eine Tasse. Ein Glas. Keine Krümel. Keine zweite Bestellung.

Der andere Stuhl stand noch genau so da wie vorher.

Ich schob ihn unter den Tisch.

Nicht ganz.

Ein kleines Stück blieb er draußen stehen.

Vielleicht aus Unachtsamkeit.

Vielleicht auch, weil manche Plätze erst dann leer aussehen, wenn man versucht, sie ordentlich zu machen.

—

Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.