Ralf König nennt es in einem seiner Comics wunderbar direkt „Herbst in der Hose“. Ein Titel, bei dem ich grinsen musste. Aber dahinter steckt eine Frage, die irgendwann ziemlich viele Männer beschäftigt: Was passiert eigentlich mit Mannsein, Lust und Sexualität, wenn wir älter werden?
Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich, was in diesem herrlich direkten Titel steckt. Denn irgendwann verändert sich etwas. Nicht unbedingt mit einem großen Knall. Nicht an einem bestimmten Geburtstag. Und schon gar nicht bei jedem Mann gleich. Aber wir werden älter. Unser Körper verändert sich. Unser Blick auf uns selbst verändert sich. Und möglicherweise verändert sich auch unsere Sexualität. Darüber sollten wir reden können.
Mit 50 ist man nicht plötzlich asexuell
Das scheint mir eine wichtige Feststellung zu sein. Denn wenn über Männer und Sexualität gesprochen wird, geht es erstaunlich oft um junge Körper. Um Leistung. Um Ausdauer. Um Attraktivität. Und um dieses ewige Funktionieren. Dabei hört Sexualität nicht auf, nur weil im Bart immer mehr graue Haare auftauchen und auf der Geburtstagstorte inzwischen ziemlich viele Kerzen Platz finden müssten.
Männer über 50 lieben. Sie begehren. Sie haben Sex. Sie kuscheln. Sie fantasieren. Oder sie haben gerade überhaupt keine Lust darauf. Alles davon darf sein.
Vielleicht wird Sex einfach anders
Und vielleicht liegt darin überhaupt nichts Bedrohliches. Was uns mit 25 wichtig war, muss uns mit 50 nicht mehr wichtig sein. Vielleicht wird Nähe wichtiger. Vielleicht wird Sex entspannter. Vielleicht wissen wir inzwischen besser, was wir mögen – und auch, was wir nicht mögen. Vielleicht haben wir weniger Lust als früher. Vielleicht genauso viel. Vielleicht sogar mehr.
Es gibt schließlich keinen Stundenplan, auf dem steht: Mit 51 hat ein Mann bitte exakt so viel Sex zu wollen. Zum Glück.
Trotzdem hängt an männlicher Sexualität verdammt viel Erwartung
Ein Mann kann. Ein Mann will. Ein Mann ist bereit. Und wenn nicht? Dann stimmt angeblich etwas nicht. Was für ein Unsinn.
Männlichkeit misst sich nicht daran, wie häufig ein Mann Sex hat. Nicht daran, wie viele Menschen er begehrt. Und schon gar nicht daran, ob sein Körper jederzeit auf Kommando funktioniert.
Unser Körper ist keine Maschine. Er war es mit 25 nicht. Und mit 50 ist er es erst recht nicht.
Auch unser Körper verändert sich
Der Bauch sieht vielleicht anders aus. Die Haut verändert sich. Haare werden grau – oder verabschieden sich gleich ganz. Und möglicherweise verändert sich auch beim Sex etwas.
Natürlich kann das verunsichern.
Gerade wenn wir jahrzehntelang gelernt haben, männliche Sexualität mit Leistungsfähigkeit zu verbinden. Aber vielleicht beginnt genau hier etwas viel Interessanteres: Sexualität nicht mehr als Beweis für Männlichkeit zu betrachten. Sondern als einen Teil unseres Lebens.
Einen schönen Teil, wenn wir ihn möchten. Einen wichtigen Teil vielleicht. Aber eben nur einen Teil dessen, was uns als Menschen und Männer ausmacht. Und wenn sich körperlich etwas verändert, das uns belastet, dürfen wir übrigens auch darüber sprechen und uns medizinischen Rat holen. Auch das ist kein Versagen und erst recht kein Verlust von Männlichkeit.
Vielleicht ist Herbst gar kein schlechtes Bild
Denn Herbst bedeutet schließlich nicht: vorbei. Herbst kann verdammt schön sein. Das Licht verändert sich. Die Farben werden intensiver. Vielleicht wird manches ruhiger. Und möglicherweise kommt auch ein bisschen mehr Gelassenheit dazu. Man kennt sich inzwischen besser. Man muss nicht mehr überall mithalten. Und vielleicht muss man auch niemandem mehr beweisen, was für ein toller Kerl man im Bett ist.
Man darf einfach herausfinden, was sich heute gut anfühlt.
Mannsein verändert sich – genau wie wir
Vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich mit zunehmendem Alter immer schöner finde. Ich muss mit 50 nicht der Mann sein, der ich mit 25 war. Auch nicht in meiner Sexualität.
Ich darf mich verändern. Mein Körper darf sich verändern. Meine Wünsche dürfen sich verändern. Meine Lust darf sich verändern. Und sollte irgendwann tatsächlich ein bisschen „Herbst in der Hose“ sein? Dann ist das eben so.
Herbst ist schließlich keine Jahreszeit, vor der man Angst haben muss. Und verdammt: Auch im Herbst kann es noch ziemlich heiß werden. 😉
Danke fürs Lesen – starke Gedanken brauchen starke Männer.
Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen


