Die letzten Gäste waren fast draußen.
Einer suchte noch nach seinem Schal. Zwei andere standen an der Tür und führten genau dort das Gespräch weiter, das sie am Tisch schon hätten beenden können. Ich räumte Tassen ab, wischte über den Tresen und dachte eigentlich nur noch daran, dass ich heute ein bisschen früher nach Hause wollte.
Draußen war es längst dunkel.
Nicht tiefschwarz. Ravenau wird am Abend nie ganz dunkel. Irgendwo ist immer Licht. Ein Fenster, eine Laterne, die Kirche, ein Auto, das kurz über den Platz fährt.
Trotzdem wirkte der Marktplatz um diese Uhrzeit anders.
Weiter.
Leerer.
Als würden die Häuser ein Stück zurücktreten, sobald weniger Menschen da sind.
Ich stellte gerade die letzte Tasse in die Maschine, als ich es sah.
Ein Schimmern.
Nicht hell. Nicht groß. Eher etwas, das am Rand des Blicks auftauchte und sofort wieder verschwand, sobald man direkt hinsah.
Auf dem Pflaster, ungefähr in der Mitte des Platzes.
Ich blieb stehen.
Dann war es wieder da.
Ein schwaches Licht, fast silbrig, vielleicht ein bisschen warm. Nichts, was zu einer Laterne passte. Kein Scheinwerfer. Kein Handylicht.
Zumindest sah es so aus.
Ich trat näher ans Fenster.
Natürlich spiegelte die Scheibe.
Hinter mir brannte noch Licht im Café. Die Maschine blinkte. Ein Glas stand so, dass es einen kleinen Lichtpunkt zurückwarf. Wahrscheinlich war es genau das.
Ich bewegte mich einen Schritt zur Seite.
Das Schimmern blieb.
„Was schaust du?“, fragte einer der letzten Gäste.
„Nichts.“
Das war die einfachste Antwort.
Er zog seine Jacke an und ging.
Draußen lief er genau an der Stelle vorbei, an der ich das Licht gesehen hatte.
Nichts.
Kein Schimmern.
Kein Glitzern.
Nur Pflaster.
Ich räumte weiter.
Vielleicht fünf Minuten später war es wieder da.
Diesmal etwas weiter links.
Oder ich bildete mir das nur ein.
Es gibt Momente am Ende eines langen Tages, in denen die Augen noch arbeiten, obwohl der Kopf längst Feierabend gemacht hat. Vielleicht war es genau so einer.
Draußen zog jemand über den Platz.
Nur ein Schatten.
Für einen kurzen Moment lief die Gestalt durch dieses schwache Licht, und ich dachte, der Boden würde darunter fast heller werden.
Dann war alles wieder grau.
Ich musste an die Frau im alten Kleid denken.
Nicht lange.
Nur diesen einen Moment.
Und an den Mann mit der Kürbismaske.
Oktober ist kein guter Monat, wenn man sich vorgenommen hat, in allem nur das Offensichtliche zu sehen.
Ich machte die Lichter im vorderen Bereich aus.
Jetzt war die Scheibe klarer.
Der Platz dunkler.
Und das Schimmern?
Weg.
Natürlich.
Ich schloss ab, nahm meine Jacke und blieb draußen noch einmal kurz stehen.
Von hier aus sah der Marktplatz vollkommen normal aus.
Feuchtes Pflaster. Laternenlicht. Die Kirche. Ein paar Fenster, hinter denen noch jemand wach war.
Keine Spur von irgendetwas Besonderem.
Ich ging ein paar Schritte.
Dann drehte ich mich noch einmal um.
Nur so.
Das Café lag dunkel hinter mir.
Und für einen Sekundenbruchteil dachte ich, direkt vor dem Fenster würde wieder etwas schimmern.
Ganz schwach.
Fast so, als hätte jemand vergessen, ein Licht auszumachen, das dort gar nicht sein dürfte.
Ich ging nach Hause.
Man muss nicht jedem Licht folgen.
Manchmal reicht es, zu wissen, dass man es gesehen hat.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.


