Es gibt Tage, an denen man Menschen mag, aber trotzdem keine Lust auf Gesellschaft hat. Kein Telefonat, keine Verabredung, kein Gespräch. Einfach mal seine Ruhe. Und eigentlich sollte das vollkommen in Ordnung sein.

Es ist einer dieser Tage, an denen ich nichts Besonderes vorhabe. Kein Termin, keine Verpflichtung, keine Verabredung. Ein paar Stunden, die tatsächlich mir gehören.

Herrlich.

Ich mache es mir gemütlich, habe vielleicht etwas zu lesen oder genieße einfach den Gedanken, dass ich gerade nirgendwo sein muss.

Dann klingelt das Telefon.

Ich schaue auf das Display.

Ach.

Eigentlich ein Mensch, den ich mag. Jemand, mit dem ich gerne rede. Normalerweise jedenfalls.

Heute allerdings denke ich nur: Bitte nicht jetzt.

Und schon ist es da. Dieses kleine schlechte Gewissen.

Ich mag Menschen. Wirklich.

Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Gesellschaft hätte. Ich unterhalte mich gerne, höre anderen zu, lache mit ihnen und verbringe schöne Stunden mit Menschen, die mir wichtig sind.

Aber eben nicht immer.

Manchmal ist mein Bedürfnis nach Gesprächen für einen Tag einfach aufgebraucht. Dann möchte ich keine Geschichten mehr hören, keine Neuigkeiten austauschen und auch nicht erklären, wie es mir geht.

Nicht einmal dann, wenn es mir gut geht.

Vielleicht sogar gerade dann.

Denn manchmal besteht ein guter Tag für mich darin, dass niemand etwas von mir möchte.

Das klingt womöglich unfreundlicher, als es gemeint ist. Aber ich glaube, viele kennen dieses Gefühl.

Man hat den ganzen Tag geredet, zugehört, Fragen beantwortet, Entscheidungen getroffen und auf Nachrichten reagiert. Irgendwann möchte man einfach nicht mehr verfügbar sein.

Die Sache mit dem schlechten Gewissen

Interessant finde ich, wie schnell man beginnt, sich dafür zu rechtfertigen.

Eine Einladung kommt und statt einfach zu sagen, dass man heute lieber zu Hause bleiben möchte, sucht man nach einer Begründung.

Man ist müde. Man hat noch etwas zu erledigen. Der Tag war anstrengend.

Alles durchaus möglich.

Aber warum fällt uns der einfache Satz so schwer?

„Danke, aber heute möchte ich lieber für mich sein.“

Vielleicht, weil wir befürchten, dass der andere es persönlich nimmt. Dass er glaubt, wir hätten keine Lust auf ihn. Dass aus einem freien Nachmittag plötzlich eine kleine zwischenmenschliche Angelegenheit wird.

Dabei hat das eine mit dem anderen oft überhaupt nichts zu tun.

Ich kann jemanden sehr mögen und trotzdem gerade nicht mit ihm telefonieren wollen.

Ich kann mich über eine Einladung freuen und sie dennoch ausschlagen.

Und ich kann einen Menschen vermissen, ohne ihn ausgerechnet heute sehen zu müssen.

Allein ist nicht automatisch einsam

Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis.

Wer allein ist, muss nicht einsam sein.

Einsamkeit kann wehtun. Sie entsteht, wenn einem Nähe, Verbindung oder Menschen fehlen, die man gerne um sich hätte.

Freiwilliges Alleinsein ist etwas anderes.

Es kann ein Geschenk sein.

Ein Nachmittag ohne Gespräche. Ein Spaziergang, bei dem niemand neben einem läuft. Ein Kaffee, den man in Ruhe trinkt, ohne dabei gleichzeitig eine Unterhaltung führen zu müssen.

Man kann aus dem Fenster schauen, seinen Gedanken nachhängen oder einfach einmal gar nichts machen.

Und das Beste daran?

Niemand fragt, worüber man gerade nachdenkt.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber manchmal finde ich genau das ausgesprochen angenehm.

Wir müssen nicht ständig erreichbar sein

Natürlich macht es die heutige Technik nicht unbedingt leichter.

Früher konnte man einfach nicht zu Hause sein. Dann hat das Telefon geklingelt und niemand ist rangegangen.

Heute tragen wir unsere Erreichbarkeit ständig mit uns herum.

Eine Nachricht kommt. Dann noch eine. Irgendwo erscheint ein kleines Symbol, das uns daran erinnert, dass jemand auf eine Antwort wartet.

Und selbst wenn niemand ausdrücklich verlangt, dass wir sofort reagieren, entsteht manchmal das Gefühl, genau das tun zu müssen.

Dabei ist eine Nachricht keine Vorladung.

Ein Anruf ist keine Verpflichtung, alles stehen und liegen zu lassen.

Und ein freier Nachmittag muss nicht automatisch für andere verfügbar sein.

Natürlich gibt es Situationen, in denen jemand uns wirklich braucht. Dann sieht die Sache anders aus.

Aber nicht jede Nachricht ist dringend. Nicht jedes Gespräch muss sofort stattfinden. Und nicht jede Einladung braucht eine ausführliche Erklärung, warum man nicht kommt.

Heute bin ich einfach mal für mich da

Vielleicht hat das auch etwas mit dem Älterwerden zu tun.

Nicht unbedingt damit, dass man weniger Menschen um sich haben möchte. Sondern damit, dass man seine eigenen Bedürfnisse besser kennenlernt.

Ich merke inzwischen schneller, wann mir Gesellschaft guttut und wann ich lieber meine Ruhe hätte.

Früher hätte ich vielleicht trotzdem zugesagt. Aus Höflichkeit, aus Gewohnheit oder weil ich niemanden enttäuschen wollte.

Heute denke ich öfter: Warum eigentlich?

Ein Abend zu Hause ist kein gescheiterter Abend.

Ein Wochenende ohne Verabredungen ist keine verpasste Gelegenheit.

Und ein Tag, an dem man niemanden sehen möchte, muss auch nicht bedeuten, dass irgendetwas nicht stimmt.

Manchmal ist einfach alles in Ordnung.

Gerade deshalb möchte man es für ein paar Stunden genau so lassen.

Morgen vielleicht wieder

Das Telefon liegt inzwischen wieder still auf dem Tisch.

Ich werde mich später melden. Vielleicht heute Abend. Vielleicht morgen.

Ich freue mich dann vermutlich sogar auf das Gespräch.

Aber jetzt genieße ich erst einmal die Ruhe.

Keine Verabredung, kein Gespräch, keine Erwartungen. Nur ein bisschen Zeit, die niemandem außer mir gehört.

Und falls heute noch jemand fragt, ob ich etwas vorhabe, lautet meine Antwort: Ja. Ich habe etwas vor.

Ich möchte einfach mal niemanden sehen.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen