Es beginnt mit ein paar Tropfen Wasser. Eine Klospülung, die plötzlich Geräusche macht, die sie vorher nicht gemacht hat. Und einem Mann, der feststellen muss, dass handwerkliches Geschick offenbar nicht zur männlichen Grundausstattung gehört.

Es gibt Geräusche in einer Wohnung, die gehören einfach dazu. Der Kühlschrank brummt gelegentlich, die Heizung gluckert und irgendwo knackt manchmal ein Möbelstück, ohne dass man jemals herausfindet, warum.

Und dann gibt es Geräusche, die neu sind.

Zum Beispiel aus der Toilette.

Plitsch.

Plitsch.

Plitsch.

Ich bleibe stehen und höre genauer hin. Tatsächlich. Da tropft etwas. Nicht auf den Boden, zum Glück. Das Wasser läuft offenbar innerhalb der Toilette nach. Alle paar Sekunden ein Tropfen. Vielleicht auch zwei.

Ich schaue die Klospülung an.

Die Klospülung sagt nichts.

Das kann doch nicht so schwer sein

Natürlich drücke ich zunächst noch einmal auf die Spültaste. Das erscheint mir als angemessene erste Maßnahme. Schließlich kann man erstaunlich viele technische Probleme dadurch lösen, dass man etwas noch einmal betätigt.

Der Spülkasten füllt sich wieder.

Ich warte.

Plitsch.

Na wunderbar.

Jetzt könnte man natürlich den Deckel abnehmen und nachsehen. Der Spülkasten hängt sichtbar an der Wand. Man kommt problemlos heran. Eigentlich eine hervorragende Ausgangslage.

Nur gibt es da ein kleines Problem.

Ich habe keine Ahnung, was ich dort eigentlich suchen soll.

Natürlich weiß ich grundsätzlich, wie eine Toilettenspülung funktioniert. Wasser befindet sich in einem Behälter. Man drückt auf einen Knopf. Wasser verschwindet aus dem Behälter und erledigt seine Aufgabe.

So weit komme ich mit meinem technischen Verständnis problemlos mit.

Was dazwischen passiert, überlasse ich normalerweise den Menschen, die sich damit auskennen.

Männer können so etwas doch

Und damit wären wir bei einem interessanten Thema.

Ich bin ein Mann.

Das ist jetzt keine besonders überraschende Feststellung. Aber offenbar verbindet sich damit noch immer eine gewisse Erwartungshaltung.

Männer können Dinge reparieren.

Männer wissen, wie man einen Wasserhahn austauscht, eine Lampe anschließt oder einen tropfenden Spülkasten wieder zum Schweigen bringt.

Männer besitzen Werkzeugkästen, in denen sich nicht nur ein Schraubenzieher, ein Hammer und drei übrig gebliebene Schrauben von einem Möbelstück befinden.

Und selbstverständlich wissen Männer, wofür die einzelnen Werkzeuge gedacht sind.

Ich bewundere solche Männer.

Wirklich.

Ich gehöre nur leider nicht dazu.

Meine handwerklichen Fähigkeiten sind überschaubar. Ich kann durchaus etwas zusammenschrauben, solange eine verständliche Anleitung dabei ist und am Ende nicht zu viele Teile übrig bleiben.

Aber sobald Wasserleitungen, Dichtungen oder irgendwelche Ventile ins Spiel kommen, sinkt mein Selbstvertrauen erheblich.

Ich bin ein Mann. Kein Installateur.

Jeder kann etwas anderes

Dabei ist das eigentlich vollkommen normal.

Es gibt Männer, die renovieren ein komplettes Badezimmer. Andere reparieren Autos, bauen Möbel oder verlegen einen Fußboden, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Ich kann andere Dinge.

Ich kann schreiben, organisieren, Ideen entwickeln und mich stundenlang mit technischen Problemen beschäftigen, solange diese auf einem Bildschirm stattfinden.

Wenn eine Website nicht funktioniert, suche ich nach dem Fehler.

Wenn die Klospülung tropft, schaue ich sie an.

Das sind unterschiedliche Herangehensweisen.

Und vielleicht sollten wir endlich aufhören, bestimmte Fähigkeiten automatisch einem Geschlecht zuzuordnen.

Ein Mann muss nicht handwerklich begabt sein. Genauso wenig wie eine Frau automatisch wissen muss, wie man eine Waschmaschine richtig belädt.

Manche Menschen können Dinge besonders gut.

Andere eben andere Dinge.

Eigentlich ziemlich einfach.

Vielleicht repariert es sich von selbst

Zurück zu meiner Toilette.

Ich stehe noch immer davor und überlege, was ich tun könnte.

Vielleicht ist etwas verkalkt. Vielleicht schließt irgendeine Dichtung nicht mehr richtig. Vielleicht hängt ein Schwimmer fest.

Schwimmer.

Ein schönes Wort.

Ich weiß sogar ungefähr, was damit gemeint ist.

Nur würde ich ihn im Inneren des Spülkastens vermutlich erst einmal suchen müssen.

Also entscheide ich mich für eine bewährte Strategie.

Abwarten.

Nicht aus technischer Überzeugung, sondern weil ich gerade keine bessere Idee habe.

Und tatsächlich passiert etwas.

Das Tropfen hört auf.

Einfach so.

Kein Plitsch mehr.

Kein Rinnsal.

Stille.

Ich schaue die Toilette an.

Interessant.

Vielleicht war das schon die Reparatur

Natürlich könnte das Problem wiederkommen. Vielleicht sitzt eine Dichtung nicht richtig oder irgendwo hat sich etwas verklemmt. Das müsste man dann genauer untersuchen lassen.

Aber im Moment ist Ruhe.

Und ich habe nichts gemacht.

Zumindest nichts, was man im klassischen Sinne als handwerkliche Tätigkeit bezeichnen könnte.

Ich habe zugehört, nachgedacht, die Spülung betätigt und anschließend gewartet.

Vielleicht sollte man das nicht unbedingt als erfolgreiche Reparatur verkaufen.

Aber es fühlt sich trotzdem ein bisschen danach an.

Und während ich so vor meiner wieder stillen Toilette stehe, denke ich, dass wir uns manchmal ziemlich unnötig unter Druck setzen.

Nicht nur bei handwerklichen Dingen.

Wir glauben, bestimmte Fähigkeiten besitzen zu müssen, weil wir Männer sind. Weil wir erwachsen sind. Weil andere Menschen das schließlich auch können.

Dabei wäre es manchmal viel einfacher, zu sagen:

Kann ich nicht.

Weiß ich nicht.

Da brauche ich Hilfe.

Das macht einen Menschen nicht weniger kompetent. Und einen Mann schon gar nicht weniger männlich.

Ein Mann und seine Klospülung

Ich gehe noch einmal ins Badezimmer.

Nur zur Kontrolle.

Die Toilette ist still.

Kein Tropfen.

Kein verdächtiges Geräusch.

Offenbar hat sich das Problem vorerst erledigt.

Vielleicht hat die Klospülung gemerkt, dass ich bereits darüber nachdenke, einen Fachmann zu holen.

Vielleicht wollte sie einfach nur ein bisschen Aufmerksamkeit.

Oder vielleicht hat sich tatsächlich irgendeine Dichtung wieder richtig gesetzt.

Ich werde es vermutlich nie erfahren.

Aber eines steht fest: Ich habe die Klospülung repariert.

Durch Anwesenheit.

Man muss eben nicht alles können.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen