Mir ist nicht kalt

Es gibt einen Moment im Jahr, an dem Männer vor einer schwierigen Entscheidung stehen.

Jacke oder keine Jacke?

Im Sommer war die Sache einfach. T-Shirt an, vielleicht Hoodie für später, fertig. Doch dann kommt der Oktober. Morgens ist es frisch, mittags scheint die Sonne und am Nachmittag steht man plötzlich da und fragt sich, warum man diese verdammte Jacke überhaupt mitgenommen hat.

Oder warum man keine dabei hat.

Willkommen bei Samstags.

Heute schauen wir Männern auf die Jacke.

Der Mann, dem nicht kalt ist

Wir kennen ihn.

Draußen sind vielleicht neun Grad. Andere Menschen tragen Jacken, manche bereits Schal. Und er?

Hoodie.

Offen.

Vielleicht sogar noch kurze Hose.

Auf die vorsichtige Frage „Ist dir nicht kalt?“ kommt die Antwort, die vermutlich seit Generationen von Männern weitergegeben wird:

„Nö.“

Natürlich nicht.

Der Körper könnte bereits erste Signale in Richtung Unterkühlung senden. Die Hände verschwinden tief in den Hosentaschen. Die Schultern wandern langsam Richtung Ohren.

Aber kalt?

Nein.

Männer frieren nicht.

Sie stehen höchstens ein bisschen kompakter.

Die Übergangsjacke

Ich mag dieses Wort.

Übergangsjacke.

Eine Jacke für eine Jahreszeit, die sich selbst noch nicht entschieden hat, was sie eigentlich sein möchte.

Morgens braucht man sie. Mittags trägt man sie über dem Arm. Nachmittags bindet man sie sich vielleicht um oder fragt sich, wo man sie jetzt wieder hinlegen soll.

Abends ist man froh, dass man sie dabeihat.

Die Übergangsjacke ist deshalb weniger Kleidungsstück als logistisches Projekt.

Und trotzdem haben viele Männer genau diese eine Jacke, die jetzt wieder aus dem Schrank kommt.

Man kennt sich.

Die Jacke und ich.

Wir machen das schließlich nicht zum ersten Mal.

Es gibt diese eine Jacke

Überhaupt haben Männer manchmal erstaunlich lange Beziehungen zu Jacken.

Da hängt dieses Exemplar seit Jahren im Schrank.

Nicht mehr ganz neu. Vielleicht an den Ärmeln schon etwas mitgenommen. Der Reißverschluss funktioniert nur noch, wenn man ihn unten kurz nach links drückt und dabei nicht zu viel erwartet.

Aber die Jacke ist gut.

„Die geht doch noch.“

Ein Satz, der vermutlich schon sehr viele Kleidungsstücke vor einem vorzeitigen Ende bewahrt hat.

Und vielleicht stimmt es ja.

Denn irgendwann ist eine Jacke nicht mehr nur eine Jacke. Man weiß, wie sie sitzt. Man weiß, welche Tasche groß genug fürs Handy ist. Man weiß, dass links innen noch eine Packung Taschentücher vom vergangenen Winter steckt.

Und möglicherweise ein Kassenzettel von 2023.

Man weiß nie.

Die Taschen!

Jackentaschen sind ohnehin ein eigenes Thema.

Im Sommer reduzieren wir Männer unseren mobilen Hausstand zwangsläufig. Handy, Schlüssel, Geldbeutel – irgendwann sind sämtliche Hosentaschen belegt.

Dann kommt der Herbst.

Und plötzlich haben wir wieder Stauraum.

Außentasche links. Außentasche rechts. Innentasche. Vielleicht sogar noch irgendeine geheimnisvolle kleine Tasche, deren ursprünglichen Zweck niemand kennt.

Herrlich.

Schlüssel rein. Kopfhörer. Taschentücher. Einkaufszettel. Bonbon. Irgendetwas, das man später noch braucht.

Und drei Wochen später beginnt die Suche:

„Wo ist eigentlich …?“

In der Jacke.

Es ist erstaunlich oft in der Jacke.

Und dann gibt es die gute Jacke

Nicht jede Jacke darf überallhin.

Es gibt die Jacke für jeden Tag.

Die Jacke für Regen.

Die Jacke für richtig kalt.

Und bei manchen Männern gibt es noch die gute Jacke.

Die zieht man an, wenn es ein bisschen ordentlicher sein soll. Restaurant. Theater. Einladung. Vielleicht ein Termin, bei dem der Hoodie heute ausnahmsweise zu Hause bleiben muss.

Wobei sich auch hier die Zeiten geändert haben.

Was früher selbstverständlich Mantel oder Sakko bedeutete, kann heute eine schöne, schlichte Jacke sein. Männerkleidung ist entspannter geworden.

Zum Glück.

Eine Jacke sagt manchmal etwas über uns

Lederjacke. Parka. Blouson. Outdoorjacke. Mantel. Daune. Jeansjacke. Funktionsjacke.

Manche Männer tragen Jacken als Statement. Andere ausschließlich nach dem Prinzip: warm, praktisch, fertig.

Und wieder andere besitzen seit zwölf Jahren dasselbe Modell und würden überhaupt nicht auf die Idee kommen, darüber nachzudenken.

Vielleicht muss man das auch gar nicht.

Wie schon bei unseren Schuhen gilt: Kleidung erzählt manchmal eine kleine Geschichte über uns.

Aber sie erklärt uns nicht.

Der Mann in der Lederjacke muss nicht der Wilde sein. Der Mann im Mantel nicht der Geschäftsmann. Und der Typ in der Funktionsjacke plant vielleicht überhaupt keine Alpenüberquerung.

Vielleicht geht er nur zum Bäcker.

Ich nehme lieber eine mit

Ich gehöre inzwischen eher zu denen, die denken: Nimm eine Jacke mit.

Ausziehen kann man sie schließlich immer.

Das klingt vernünftig.

Bis man sie drei Stunden über dem Arm trägt.

Aber gut.

Der Oktober macht es uns auch nicht leicht. Morgens Herbst, mittags ein letzter Gruß vom Sommer und abends wieder die Frage, warum man eigentlich keine dickere Jacke genommen hat.

Vielleicht gehört genau das dazu.

Der Sommer verabschiedet sich, die Jacken kommen zurück und irgendwann hat man sich wieder daran gewöhnt, vor dem Rausgehen nicht nur Schlüssel, Handy und Geldbeutel zu suchen.

Sondern auch:

Wo ist meine Jacke?

Und irgendwo läuft währenddessen ein Mann in kurzer Hose vorbei.

Hoodie offen.

Hände tief in den Taschen.

„Ist dir nicht kalt?“

„Nö.“

Natürlich nicht.

Wir beobachten. Wir urteilen nicht.

Na ja. Zumindest versuchen wir es.

Schließlich ist Samstag.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen