Hauptsache, ich sehe alles

Ich sitze gerne so, dass ich alles sehen kann. Im Café. Im Restaurant. Im Zug. Rücken zur Wand wäre schön. Blick in den Raum noch besser.

Warum? Keine Ahnung. Ich plane schließlich keinen Banküberfall. Ich möchte nur einen Kaffee trinken. Trotzdem gibt es Plätze, auf denen ich mich sofort wohlfühle. Und andere, bei denen ich schon beim Hinsetzen denke: Nein. Das wird nichts mit uns beiden. Und wenn man anderen Männern ein bisschen dabei zuschaut, wie sie sich einen Platz suchen, bekommt man den Eindruck: Ich bin damit nicht allein.

Einmal kurz die Lage checken

Da kommt ein Mann ins Café. Freie Tische gibt es genug. Trotzdem setzt er sich nicht einfach irgendwo hin. Er schaut. Fenster? Zu viel Sonne. Mitten im Raum? Zu unruhig. Neben der Tür? Zieht vielleicht. Ganz hinten in der Ecke? Perfekt. Vielleicht hat dieser Mann in seinem Leben noch nie bewusst darüber nachgedacht, wo er gerne sitzt. Aber sein Körper offenbar schon. Hinsetzen. Jacke aus. Handy auf den Tisch. Angekommen.

Rücken zur Wand

Ich habe den Eindruck, dass dieser Platz bei Männern ziemlich beliebt ist. Rücken zur Wand und vor einem der ganze Raum.

Man sieht, wer kommt.
Man sieht, wer geht.
Man sieht den Kellner.
Man sieht die Tür.
Man sieht eigentlich alles.
Wozu?
Keine Ahnung.

Vielleicht steckt irgendwo tief in uns noch der Höhlenbewohner, der gerne wissen möchte, ob von hinten ein Säbelzahntiger kommt. Wobei ich bezweifle, dass Säbelzahntiger besonders häufig in Cafés unterwegs waren. Vielleicht wollen wir auch einfach nur Leute beobachten. Das wäre zumindest bei mir die wahrscheinlichere Erklärung.

Der Fensterplatz

Dann gibt es den Fensterplatz. Im Zug ist er begehrt. Im Café auch. Draußen vorbeiziehende Menschen beobachten, ein bisschen aus dem Fenster schauen und dabei so wirken, als würde man gerade sehr intensiv über das Leben nachdenken. Dabei denkt man vielleicht einfach: Warum trägt der bei 14 Grad kurze Hosen? Oder: Der Hund da drüben ist süß. Auch das darf sein. Ich mag Plätze, von denen aus etwas passiert. Nicht unbedingt direkt neben mir – das muss nun wirklich nicht sein. Aber in Sichtweite.

Setzt der sich jetzt wirklich neben mich?

Besonders spannend wird es in Bus und Bahn. Fast leer. Reihenweise freie Plätze. Und dann kommt jemand und setzt sich ausgerechnet direkt neben einen. Ich gebe zu: Für einen kurzen Moment denke ich dann schon: Warum? Nicht böse. Nur interessiert. Es gibt dort drüben schließlich eine wunderbare Auswahl vollkommen unbesetzter Sitzgelegenheiten. Aber gut. Vielleicht ist genau dieser Platz besonders schön. Vielleicht sitzt der Mann dort immer. Oder vielleicht mache ich mir einfach zu viele Gedanken über Sitzplätze. Das wäre ebenfalls möglich.

Dieser Platz ist besetzt

Und dann ist da noch ein Klassiker. Die Tasche auf dem freien Stuhl. Im Café, im Zug oder irgendwo im Wartebereich. Sie sitzt da. Selbstbewusst. Fast ein bisschen breitbeinig. Dann kommt die Frage: „Ist hier noch frei?“ Und für den Bruchteil einer Sekunde schaut der Besitzer seine Tasche an. Als müsste er erst mit ihr Rücksprache halten. Dann: „Ja, klar.“ Natürlich ist da frei. Die Tasche hatte nur gehofft, dass niemand fragt.

Wir haben unsere Plätze

Noch deutlicher wird es übrigens zu Hause. Auf dem Sofa. Am Esstisch. Vielleicht sogar auf dem Balkon. Viele Menschen haben ihren Platz. Nicht offiziell. Es hängt kein Namensschild daran. Aber wehe, jemand sitzt dort. Dann sagt man natürlich nicht: „Das ist mein Platz.“ Wir sind schließlich erwachsen. Wir stehen einfach kurz daneben und schauen etwas irritiert. So lange, bis die andere Person versteht.

Vielleicht geht es einfach ums Wohlfühlen

Vermutlich steckt hinter all dem gar keine große Männerpsychologie. Und genau das gefällt mir an solchen Beobachtungen. Wir Menschen entwickeln Gewohnheiten. Wir haben Lieblingsplätze. Wir suchen Nähe oder Abstand. Wollen hinausschauen oder mitten im Geschehen sitzen. Manche möchten ihre Ruhe, andere wollen alles mitbekommen. Und Männer machen daraus manchmal eine erstaunlich wortlose Angelegenheit. Man setzt sich eben dahin. Immer. Warum? Weil ich da sitze.

Eine vollkommen ausreichende Begründung. Ich werde jedenfalls weiterhin versuchen, im Café einen Platz zu bekommen, von dem aus ich ein bisschen beobachten kann. Schließlich brauche ich Stoff für Samstags. Und falls dort schon jemand sitzt? Dann nehme ich natürlich einen anderen Platz. Ich bin ja flexibel. Meistens. Wir beobachten. Wir urteilen nicht. Na ja. Zumindest versuchen wir es.

Schließlich ist Samstag.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen