„Habt ihr eigentlich auch Sushi?“
Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört.
Nicht weil die Frage vollkommen absurd gewesen wäre. Inzwischen bekommt man schließlich an Orten Dinge, die früher dort nicht einmal jemand gesucht hätte. Kaffee beim Bäcker, Frühstück im Möbelhaus, Cocktails im Kino. Warum also nicht irgendwann Sushi in einem Café in Ravenau.
Trotzdem sah ich den Mann einen Moment länger an, als höflich gewesen wäre.
„Nein“, sagte ich.
Er nickte.
Dann sah er noch einmal auf die Karte.
„Gar keins?“
Ich musste kurz überlegen, ob es verschiedene Stufen von Nein gibt.
„Gar keins.“
Damit war die Sache eigentlich erledigt.
Eigentlich.
Er war vielleicht Ende dreißig, ordentlich angezogen, freundlich, kein Mensch, bei dem man das Gefühl gehabt hätte, er wolle einen provozieren. Er schien wirklich überrascht. Als hätte er fest damit gerechnet, zwischen Kuchen, Eis, Kaffee und den paar kleinen Sachen zum Essen irgendwo eine California Roll zu entdecken.
„Schade“, sagte er schließlich.
Dann bestellte er einen Cappuccino.
Ich mag solche Momente.
Nicht weil ich mich über Gäste lustig machen möchte. Menschen fragen nun mal nach dem, was sie mögen. Und manchmal entstehen gute Ideen genau daraus. Unser veganes Eis wäre wahrscheinlich auch nicht lange auf der Karte geblieben, wenn niemand nach mehr davon gefragt hätte.
Aber Sushi?
Ich sah mich kurz im Café um.
Tassen. Kuchen. Die Maschine. Das Fenster zum Marktplatz. Draußen die Kirche, ein paar Fahrräder, eine Frau mit Einkaufstasche und ein Mann, der aussah, als hätte er schon vor zehn Minuten irgendwo sein sollen.
Nein.
Sushi sah ich hier irgendwie nicht.
Später fragte ich mich, ob ich einfach altmodisch werde.
Vielleicht muss ein Café heute mehr können als früher. Frühstück, Mittagessen, Kuchen, Eis, vegan, glutenfrei, zuckerfrei, Hafer, Soja, Matcha, irgendwas mit Ingwer und wahrscheinlich bald eben auch Sushi.
Man kann natürlich versuchen, alles anzubieten.
Irgendwann weiß dann nur keiner mehr, warum er eigentlich gekommen ist.
Der Mann saß inzwischen am Fenster und trank seinen Cappuccino. Er wirkte nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Nach einer Weile bestellte er sogar noch ein Stück Kuchen.
Ohne Fisch.
Das sagte ich natürlich nicht.
Man muss nicht jeden Gedanken aussprechen, nur weil er einem gefällt.
Gegen Mittag erzählte ich einer Kollegin von der Sushi-Frage.
Sie sah mich an.
„Vielleicht sollten wir welches anbieten.“
Ich sah sie an.
Sie lachte.
Zumindest hoffe ich, dass sie gelacht hat.
Draußen lag der Marktplatz in der Sonne, und für einen Moment dachte ich daran, wie ein Schild vor unserem Café aussehen würde:
Heute frisch: Cappuccino, Käsekuchen und Nigiri.
Nein.
Es gibt Veränderungen, die einem Ort guttun. Neues Eis. Eine pinke Tasse. Andere Milch. Dinge, durch die plötzlich Menschen hereinkommen, die vorher vielleicht keinen Grund dazu hatten.
Und dann gibt es Dinge, bei denen man ruhig sagen darf:
Das sind wir einfach nicht.
Vielleicht gehört auch das zu einem guten Ort. Nicht nur zu wissen, was noch fehlt. Sondern auch, was nicht fehlen muss.
Als der Mann ging, stellte er seine Tasse auf den Tresen und sagte: „Der Kuchen war richtig gut.“
„Danke.“
Er blieb kurz stehen.
„Vielleicht komm ich wieder.“
Ich nickte.
„Auch ohne Sushi?“
Jetzt lachte er.
„Auch ohne Sushi.“
Na also.
Manchmal muss Ravenau nicht alles haben.
Manchmal reicht guter Kaffee völlig.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.


