Es dauert vielleicht dreißig Sekunden. Trotzdem liegt es seit vier Tagen da. Über die kleinen Dinge, die wir eigentlich längst wegräumen wollten.

Bei mir gibt es Dinge, die befinden sich auf der Durchreise. Sie sind nicht aufgeräumt. Aber sie liegen auch nicht wirklich herum. Sie sind nur kurz da. Vorübergehend. Zum Beispiel dieser Brief auf der Kommode. Den nehme ich nachher mit. Wohin genau, weiß ich noch nicht. Aber definitiv nachher.

Am nächsten Morgen liegt er immer noch dort. Ich gehe vorbei und denke: Ach ja. Der kann noch weg. Damit ist die Sache fürs Erste erledigt.

Man sieht es. Man tut nur nichts.

Das Faszinierende daran ist: Ich bin keineswegs blind für diese Dinge. Ganz im Gegenteil. Ich sehe sie jedes einzelne Mal. Da steht das Glas, das eigentlich in die Küche gehört. Ich gehe daran vorbei. Müsste ich mal mitnehmen.

Da liegt eine leere Verpackung. Kann in den Müll. Auf dem Tisch liegt irgendein Zettel, dessen weitere Verwendung vollkommen ausgeschlossen ist. Kann auch weg. Und irgendwo befindet sich garantiert ein Gegenstand, bei dem ich seit Tagen denke: Den muss ich mal woanders hinlegen.

Das Interessante ist das Wort mal. „Mal“ ist keine Zeitangabe. „Mal“ kann in fünf Minuten sein. Morgen. Donnerstag. Oder im Frühjahr 2028.

Dann gibt es noch den Stuhl

Fast jeder Haushalt besitzt meines Erachtens mindestens einen Gegenstand, der ursprünglich für eine vollkommen andere Verwendung angeschafft wurde. Den Stuhl. Man könnte darauf sitzen. Theoretisch. Praktisch befindet sich darauf Kleidung. Nicht die schmutzige Kleidung. Dafür gibt es schließlich einen Wäschekorb. Und auch nicht die frisch gewaschene Kleidung. Die gehört in den Schrank.

Nein. Auf diesem Stuhl liegt eine ganz besondere Kategorie von Kleidung: Schon getragen, aber geht noch mal. Eine Hose. Ein Pullover. Vielleicht ein Shirt.

Man kann diese Sachen nicht zurück zu den sauberen Kleidern legen. Das fühlt sich falsch an. Waschen wäre aber vollkommen übertrieben.

Also: Stuhl. Der Stuhl ist gewissermaßen die Schweiz unter den Möbelstücken. Neutraler Boden. Bis man sich irgendwann tatsächlich darauf setzen möchte. Dann wird schwierig.

Man könnte es sofort erledigen

Das Verrückte ist: Fast nichts davon wäre Arbeit. Das Glas in die Küche bringen? Zwanzig Sekunden. Den Brief abheften? Vielleicht eine Minute. Die Verpackung wegwerfen? Zehn Sekunden. Die Hose vom Stuhl nehmen? Nun gut. Wohin damit?

Wir wollen jetzt keine Probleme schaffen, für die es keine vernünftige Lösung gibt. Aber grundsätzlich ließe sich ein Großteil dieser kleinen herumliegenden Dinge vermutlich innerhalb weniger Minuten beseitigen. Machen wir aber nicht. Stattdessen laufen wir daran vorbei.

Mehrmals. Tagelang.

Und jedes Mal beschäftigt sich unser Gehirn für einen winzigen Moment damit.

Müsste ich noch. Kann weg. Nicht vergessen. Mach ich später. Vielleicht ist genau das der Grund, warum einen solche Kleinigkeiten irgendwann plötzlich nerven. Nicht weil sie viel Platz brauchen. Sondern weil sie jedes Mal einen kleinen Gedanken auslösen.

Und dann kommt der Moment

Ich weiß nicht, wodurch er ausgelöst wird. Aber irgendwann passiert es. Man steht auf. Schaut sich um. Und plötzlich ist Schluss. SO. Jetzt reicht’s. Der Brief verschwindet. Das Glas kommt in die Küche. Verpackung in den Müll. Zettel weg. Dieses eine Ding, das seit einer Woche herumliegt, bekommt endlich einen Platz.

Man läuft durch die Wohnung und entwickelt für ungefähr zehn Minuten eine Effizienz, die jedes Logistikunternehmen vor Neid erblassen lassen müsste. Hier noch. Das auch. Weg damit. Warum liegt das überhaupt hier? Und plötzlich ist alles aufgeräumt. Man schaut sich um. Herrlich.

Bis auf …

Da liegt noch etwas. Ein kleines Ding. Eigentlich müsste ich es nur nehmen und wegräumen. Dauert vielleicht zehn Sekunden. Ich schaue es an.

Denke kurz nach. Ach. Das kann noch weg.
Später.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen