Gewitterwarnung. Starkregen. Unwetter möglich. Noch eine Warnung. Und draußen? Nichts. Über das Leben mit Wetterwarnungen, die sinnvoll sind – und manchmal trotzdem ein bisschen viel werden.

Alexa macht sich Sorgen um mich. Na ja. Eigentlich stimmt das nicht ganz. Der Deutsche Wetterdienst macht sich Sorgen um mich. Alexa ist nur die Überbringerin.

Trotzdem ist sie diejenige, die ich irgendwann genervt anschaue. Sie steht schließlich da. Leuchtet. Und möchte mir etwas mitteilen.

Mal wieder.

Achtung! Wetter!

Es beginnt meistens vollkommen harmlos.

Der gelbe Ring leuchtet. Eine Benachrichtigung. Natürlich könnte ich sie ignorieren. Kann ich aber nicht.

Wenn Alexa schon extra gelb leuchtet, möchte ich schließlich wissen, was sie mir mitzuteilen hat.

„Alexa, was sind meine Benachrichtigungen?“ Und dann kommt es: Eine Wetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes.

Gewitter möglich.
Starkregen möglich.
Unwetter möglich.

Gefühlt fehlt nur noch: „Jürgen, bring dich in Sicherheit. Es könnte Wetter geben.“

Ich schaue aus dem Fenster. Sonne. Menschen laufen herum. Ein Mann sitzt draußen im Café. Niemand scheint Vorbereitungen für die Apokalypse zu treffen.

Nur Alexa und ich wissen offenbar, was uns möglicherweise bevorsteht.

Jetzt aber wirklich!

Eine Stunde später. Alexa leuchtet wieder. Oh. Hat sich die Lage verschärft? „Alexa, was sind meine Benachrichtigungen?“

Wieder Wetter.
Vielleicht wurde die Warnung aktualisiert.
Vielleicht gibt es eine neue.
Vielleicht betrifft sie einen anderen Zeitraum.

Ich höre brav zu. Und langsam entsteht in meinem Kopf das Bild einer schwarzen Wolkenwand, die sich bedrohlich nähert.
Ich schaue wieder aus dem Fenster.
Noch immer nichts.
Gut.

Kann ja noch kommen. Und manchmal kommt es natürlich tatsächlich. Es donnert. Es blitzt. Es regnet.

Dann denke ich: Siehste. Die Warnung war berechtigt.

Nur habe ich bis dahin möglicherweise schon so viele Hinweise bekommen, dass mich das tatsächliche Gewitter kaum noch beeindruckt.

Eigentlich kann Alexa gar nichts dafür

Das muss an dieser Stelle zu ihrer Verteidigung gesagt werden.

Alexa sitzt nicht irgendwo in ihrer kleinen Kugel, studiert Wetterkarten und beschließt: Den Jürgen warnen wir jetzt noch mal. Sicher ist sicher.

Sie gibt die Wetterwarnungen weiter. Die Warnung selbst stammt vom Deutschen Wetterdienst. Eigentlich ist Alexa also nur die Botin. Und wir wissen seit Jahrhunderten, dass Boten einen schwierigen Job haben.

Denn wenn zum dritten Mal der gelbe Ring leuchtet, schaue ich trotzdem sie vorwurfsvoll an. Vollkommen ungerecht. Alexa nimmt es professionell.

Wenn Warnungen zum Alltag werden

Natürlich sind Wetterwarnungen sinnvoll. Gerade bei heftigen Gewittern, Starkregen oder Sturm möchte ich lieber rechtzeitig informiert werden als gar nicht. Und eine Warnung bedeutet schließlich auch nicht automatisch, dass genau über meinem Haus fünf Minuten später die Welt untergehen muss.

Wetter entwickelt sich.
Gewitter ziehen anders.
Manches schwächt sich ab.
Manches trifft einen anderen Ort.

Das Problem ist deshalb für mich weniger die einzelne Warnung. Es ist die Menge an Dingen, die heute überhaupt um meine Aufmerksamkeit kämpfen. Denn Alexa ist ja nicht allein. Da ist das Smartphone. Die Wetter-App. Vielleicht noch eine zweite Wetter-App, weil man der ersten nicht vollkommen vertraut.

Push-Mitteilungen.
Nachrichten.
Hinweise.
Erinnerungen.

Und überall möchte irgendetwas dringend meine Aufmerksamkeit.
Achtung.
Wichtig.
Jetzt ansehen.
Neue Information.

Irgendwann wird aus Information einfach Geräusch. Und genau dann passiert etwas Merkwürdiges: Man hört nicht mehr richtig hin.

Wenn man beim nächsten Mal nur noch „Ja, ja“ denkt

Genau darin liegt für mich das eigentliche Problem. Wenn ich mehrmals vor etwas gewarnt werde und bei mir anschließend nichts passiert, entsteht schnell dieses Gefühl: Ja, ja. Wird schon wieder nichts sein. Dabei kann genau die nächste Warnung wichtig sein.

Das wäre eigentlich fatal. Denn eine Warnung soll Aufmerksamkeit erzeugen. Nicht Augenrollen. Und natürlich weiß ich gleichzeitig: Der DWD kann seine Warnungen schlecht danach ausrichten, ob es bei mir persönlich beim letzten Mal tatsächlich geregnet hat. Eine Warnung muss kommen, wenn die Wetterlage sie notwendig macht. Auch wenn meine Balkonpflanzen anschließend keinen einzigen Tropfen abbekommen.

Vielleicht möchte ich einfach weniger wissen

Und damit sind wir plötzlich bei einem Thema, das längst nicht nur das Wetter betrifft. Unsere Geräte können uns inzwischen über erstaunlich viele Dinge informieren. Sie können uns sagen, dass es regnen könnte.

Dass irgendwo ein Paket liegt.
Dass jemand etwas geschrieben hat.
Dass ein Termin bevorsteht.
Dass eine App aktualisiert wurde.
Dass wir heute weniger Schritte gemacht haben.
Dass irgendwo irgendetwas passiert ist, von dem wir bis vor drei Sekunden nicht wussten, dass wir es wissen möchten.
Technisch beeindruckend.

Nur stellt sich irgendwann die Frage: Muss ich das alles sofort wissen?

Vielleicht nicht.
Vielleicht besteht digitaler Luxus heute gar nicht mehr darin, möglichst viele Informationen zu bekommen.
Sondern darin, entscheiden zu können, welche davon mich überhaupt erreichen dürfen.

Und das Gewitter?

Alexa hat übrigens wieder geleuchtet. Wetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes. Ich war vorbereitet. Fenster kontrolliert. Himmel beobachtet. Gewartet.

Es wurde ein bisschen dunkler. Dann wieder heller. Das war’s. Kein Donner. Kein Blitz. Kein Weltuntergang.

Ich schaue Alexa an. Alexa sagt nichts.

Was soll sie auch sagen? Sie hat schließlich nur ihren Job gemacht.

Also beschließe ich, beim nächsten gelben Ring vollkommen gelassen zu bleiben.

Ganz bestimmt. Alexa leuchtet gelb. Ich schaue hin.

Ach, verdammt. „Alexa, was sind meine Benachrichtigungen?“

Danke fürs Lesen – starke Gedanken brauchen starke Männer.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen