Ich bin ein Mann.
Eigentlich ist das schon eine ziemlich einfache Aussage. Aber irgendwann scheint bei uns Menschen der Wunsch einzusetzen, noch ein bisschen genauer zu sortieren.
Wen liebt er? Mit wem geht er ins Bett? Zu wem fühlt er sich hingezogen? Hetero? Schwul? Bi? Pan? Queer? Wir haben erstaunlich viele Begriffe dafür, wen ein Mensch lieben oder begehren kann. Und manchmal frage ich mich: Warum interessiert uns das eigentlich so sehr?
Schubladen können helfen.
Ich möchte diese Begriffe gar nicht abschaffen. Im Gegenteil. Für viele Menschen kann es wichtig sein, endlich ein Wort für das zu finden, was sie fühlen. Zu merken: Da sind andere, denen es genauso geht. Ich bin mit meinen Gefühlen nicht allein.
Ein Begriff kann Orientierung geben. Zugehörigkeit. Vielleicht sogar ein Stück Heimat. Und natürlich darf jeder Mensch selbst entscheiden, ob und wie er sich definieren möchte. Das Problem beginnt für mich an einer anderen Stelle. Nämlich dann, wenn andere die Schublade aussuchen.
Sag mir, wen du liebst – und ich sage dir, wer du bist?
So funktioniert es eben nicht. Wenn ein Mann einen Mann liebt, weiß ich dadurch noch ziemlich wenig über diesen Mann.
Ich weiß nicht, welche Musik er hört.
Ob er Fußball liebt oder beim Gedanken daran schon gelangweilt gähnt.
Ob er gerne kocht.
Ob er Kinder hat.
Ob er schüchtern ist.
Ob er morgens vor dem ersten Kaffee ansprechbar ist.
Ob er romantisch ist.
Ob er laut lacht.
Ob er gerne Sex hat oder Sexualität für ihn eine viel kleinere Rolle spielt.
Ich weiß zunächst einmal nur: Dieser Mann liebt einen Mann. Mehr nicht. Warum machen wir daraus so oft eine komplette Persönlichkeit?
Und beim Sex wird es noch absurder.
Wer wen gern im Bett hat, geht zunächst einmal genau die Menschen etwas an, die miteinander in diesem Bett liegen. Vorausgesetzt natürlich, wir sprechen über erwachsene Menschen und alles geschieht einvernehmlich. Der eine Mann schläft mit Frauen. Der andere mit Männern. Einer fühlt sich zu mehreren Geschlechtern hingezogen. Und vielleicht stellt jemand irgendwann in seinem Leben fest, dass das, was er jahrzehntelang über seine eigene Sexualität gedacht hat, doch nicht die ganze Geschichte war.
Na und? Warum sollte einer von ihnen deshalb mehr oder weniger Mann sein? Sexualität entscheidet nicht über Männlichkeit.
Vielleicht brauchen wir die Schubladen manchmal selbst.
Und das ist vollkommen in Ordnung. Wenn ein Mann sagt: „Ich bin schwul“, dann darf das ein wichtiger Teil seiner Identität sein. Wenn ein anderer sagt: „Ich bin hetero“, gilt genau dasselbe. Und wenn jemand einen anderen Begriff für sich findet oder überhaupt keinen benutzen möchte, sollte auch das seine Entscheidung sein.
Schubladenfreies Denken bedeutet für mich deshalb nicht: Wir schaffen alle Begriffe ab.
Sondern: Du entscheidest selbst, ob du einen davon für dich brauchst. Nicht ich.
Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Eigentlich könnte es so einfach sein.
Da sind zwei Menschen. Sie lernen sich kennen. Sie mögen sich.
Vielleicht verlieben sie sich.
Vielleicht verbringen sie ihr Leben miteinander.
Vielleicht verbringen sie auch nur eine verdammt schöne Nacht miteinander.
Was davon macht ihre Liebe, ihre Lust oder ihre Nähe weniger wert als die anderer Menschen? Für mich nichts. Und trotzdem sind wir gesellschaftlich noch nicht an dem Punkt, an dem sexuelle Orientierung überall vollkommen nebensächlich wäre. Menschen werden danach beurteilt. Sie müssen sich erklären. Manche müssen sich rechtfertigen. Und deshalb verstehe ich auch, warum Sichtbarkeit und Begriffe weiterhin wichtig sein können. Vielleicht brauchen wir sie noch, gerade weil die Welt eben noch nicht schubladenfrei ist.
Meine Utopie wäre eine andere.
Ich fände eine Welt schön, in der ein Mann irgendwann einfach sagen kann: „Das ist der Mensch, den ich liebe.“ Und niemand wartet auf die nächste Erklärung.
Kein überraschter Blick.
Kein „Das hätte ich jetzt gar nicht gedacht.“
Kein inneres Umsortieren.
Einfach zwei Menschen, die sich gefunden haben. Vielleicht ist das tatsächlich eine Utopie. Aber ich finde, es wäre eine ziemlich schöne.
Der Mensch ist größer als sein Label.
Vielleicht müssen wir also gar nicht aufhören, schwul, hetero, bi, pan oder queer zu sein. Wir sollten nur aufhören zu glauben, dass wir damit schon wüssten, wer ein Mensch ist. Denn ich bin mehr als meine Sexualität. Du bist mehr als deine Sexualität. Wir alle sind mehr als das Geschlecht des Menschen, mit dem wir morgens aufwachen.
Ich bin ein Mann.
Ich liebe.
Ich begehre.
Ich lebe.
Und der Rest?
Den erzähle ich dir, wenn ich möchte.
Danke fürs Lesen – starke Gedanken brauchen starke Männer.
Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen


