Es gibt diese Morgen, an denen man aufgestanden ist, aber noch lange nicht behaupten kann, wirklich wach zu sein. Der Kaffee hilft nicht, draußen ist es grau und irgendwo zwischen Bett und Schreibtisch ist offenbar der eigene Antrieb verloren gegangen.

Der Wecker hat geklingelt. Ich bin aufgestanden. Ich habe mich angezogen. Ich habe sogar schon erste zusammenhängende Sätze gesprochen.

Rein formal betrachtet bin ich also wach.

Mein Körper sieht das offenbar anders.

Ich sitze da, schaue vor mich hin und habe das Gefühl, dass ein wesentlicher Teil von mir noch im Bett liegt. Vielleicht mein Kreislauf. Vielleicht meine Motivation. Möglicherweise beide.

Na gut.

Dafür gibt es schließlich Kaffee.

Kaffee. Jetzt aber.

Die erste Tasse Kaffee am Morgen hat einen ausgezeichneten Ruf. Sie soll Menschen wecken, Gedanken sortieren und aus einem verschlafenen Wesen innerhalb kürzester Zeit ein produktives Mitglied der Gesellschaft machen.

Normalerweise funktioniert das bei mir ganz gut.

Heute nicht.

Ich trinke.

Warte.

Trinke noch einmal.

Nichts.

Ich schaue meine Tasse an, als wäre sie persönlich für dieses Versagen verantwortlich.

War da überhaupt Koffein drin?

Vielleicht braucht es einfach noch ein paar Minuten.

Oder einen zweiten Kaffee.

Wobei man irgendwann akzeptieren muss, dass sich ein Problem nicht beliebig oft mit heißem Wasser und Kaffeebohnen lösen lässt.

Schade eigentlich.

Man könnte sich jetzt optimieren

Natürlich gibt es für solche Morgen jede Menge Ratschläge.

Frische Luft!

Bewegung!

Ein großes Glas Wasser!

Morgensport!

Tageslicht!

Und selbstverständlich die Königsdisziplin aller Menschen, die offenbar härter sind als ich:

kalt duschen.

Ich gebe zu, dass dieser Gedanke an einem warmen Sommermorgen zumindest theoretisch einen gewissen Reiz haben könnte.

Aber jetzt?

Ich schaue aus dem Fenster.

Grau.

Kühl.

Menschen laufen bereits mit Jacken herum.

Und ich soll freiwillig unter kaltes Wasser steigen?

Nein.

So wichtig ist mir Leistungsfähigkeit dann auch wieder nicht.

Vielleicht noch fünf Minuten

Also versuche ich es mit einer anderen Strategie.

Ich mache erst einmal langsam.

Keine schwierige Aufgabe. Keine komplizierte Entscheidung. Vielleicht ein paar Mails anschauen. Etwas lesen. Den Tag sortieren.

Sozusagen berufliches Vorglühen.

Das Problem dabei: Selbst kleine Aufgaben entwickeln an solchen Morgen eine erstaunliche Größe.

Eine E-Mail beantworten?

Muss das jetzt schon sein?

Telefonieren?

Auf gar keinen Fall.

Eine Entscheidung treffen?

Fragen Sie später noch einmal.

Es ist faszinierend, wie derselbe Mensch, der am Nachmittag fünf Dinge gleichzeitig erledigt, morgens um acht an der Frage scheitern kann, womit er anfangen soll.

Also noch einen Schluck Kaffee.

Wir bleiben optimistisch.

Warum müssen wir eigentlich sofort funktionieren?

Vielleicht ist das überhaupt der interessantere Gedanke.

Wir haben uns ziemlich daran gewöhnt, dass ein Tag mit dem Aufstehen beginnt und ungefähr sieben Minuten später volle Leistungsfähigkeit erwartet wird.

Wecker.

Bad.

Frühstück.

Kaffee.

Los.

Aber so funktionieren Menschen eben nicht immer.

Es gibt Morgen, da bin ich sofort da. Gedanken im Kopf, Ideen, Lust auf den Tag. Ich könnte anfangen, bevor der Rechner überhaupt vollständig hochgefahren ist.

Und dann gibt es Morgen wie diesen.

Da braucht der Mensch länger als der Rechner.

Vielleicht ist das gar kein Problem.

Vielleicht muss man nicht jeden müden Morgen sofort behandeln, bekämpfen oder optimieren.

Manchmal kommt man eben langsam in die Gänge.

Nicht jeder braucht eine perfekte Morgenroutine

Ich lese gelegentlich von Menschen, deren Morgen offenbar ein organisatorisches Meisterwerk ist.

Sehr früh aufstehen. Wasser trinken. Sport. Meditation. Tagebuch. Gesundes Frühstück. Tagesplanung. Vielleicht noch ein paar Seiten lesen.

Und das alles, bevor andere Menschen überhaupt darüber nachdenken, die Bettdecke zurückzuschlagen.

Respekt.

Wirklich.

Aber ich glaube nicht, dass das mein Leben entscheidend verbessern würde.

Manchmal besteht meine Morgenroutine eben daraus, mit einer Tasse Kaffee dazusitzen und darauf zu warten, dass mein Gehirn ebenfalls erscheint.

Und irgendwann tut es das meistens.

Ohne Eisbad.

Ohne 5-Uhr-Morgenroutine.

Ohne zehn Kilometer Joggen vor dem Frühstück.

Irgendwann läuft der Motor

Vielleicht muss man sich das gelegentlich einfach erlauben.

Nicht jeder Tag beginnt mit einem Knall.

Manche Tage starten langsam.

Sie brauchen ein bisschen Wärme. Ein bisschen Ruhe. Vielleicht Kaffee. Vielleicht noch einen zweiten.

Und irgendwann merkt man plötzlich: Jetzt geht’s.

Der Kopf ist da.

Die Gedanken laufen.

Die erste Aufgabe ist erledigt.

Und aus diesem etwas müden Menschen vom frühen Morgen ist doch noch jemand geworden, mit dem man arbeiten kann.

Heute dauert es eben etwas länger.

Das ist in Ordnung.

Vielleicht brauche ich wirklich keinen weiteren Kaffee. Keine kalte Dusche. Kein Motivationsvideo und keine Morgenroutine eines Menschen, der angeblich um 4.30 Uhr freiwillig aufsteht.

Vielleicht brauche ich einfach noch zehn Minuten.

Ich greife nach meiner Tasse und nehme einen Schluck.

Kalt.

Na wunderbar.

Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen