Hey Männer,
ich habe manchmal das Gefühl, wir haben etwas verlernt. Etwas einfach nur anzuschauen. Ohne sofort zu entscheiden, was wir davon halten.
Wir sehen ein Foto und wissen innerhalb von Sekunden: Gefällt mir. Gefällt mir nicht.
Wir lesen eine Überschrift: Richtig. Falsch.
Wir sehen einen Menschen: Zu dick. Zu dünn. Zu alt für diese Kleidung. Zu jung für jenes Verhalten. Zu laut. Zu still. Zu bunt. Zu langweilig.
Und natürlich machen wir das nicht nur bei anderen.
Ein Restaurant bekommt Sterne.
Ein Hotel Punkte.
Der Paketbote eine Bewertung.
Der Einkauf fünf Sterne.
Der Film einen Daumen.
Der Taxifahrer bewertet seinen Fahrgast – und der Fahrgast anschließend den Taxifahrer.
Manchmal wundert es mich fast, dass ich nach dem Brötchenkauf nicht gefragt werde: „Wie zufrieden waren Sie heute mit Ihrer Breze?“
Wir leben in einer Welt voller Urteile
Versteht mich nicht falsch. Bewertungen können hilfreich sein. Wenn ich ein Hotel buchen möchte, lese ich durchaus, was andere Gäste darüber schreiben. Wenn ich etwas kaufen möchte, interessiert mich, ob andere damit zufrieden sind. Und wenn jemand Mist baut, darf man das auch sagen. Darum geht es mir nicht. Mich beschäftigt vielmehr, wie selbstverständlich wir dieses Prinzip inzwischen auf beinahe alles übertragen haben. Wir bewerten nicht mehr nur Produkte.
Wir bewerten Menschen. Und dafür brauchen wir manchmal erstaunlich wenig Informationen. Ein Foto reicht. Ein Satz. Zehn Sekunden eines Videos. Eine falsche Formulierung. Ein Kleidungsstück. Und schon glauben wir zu wissen, wie dieser Mensch ist.
Ich erwische mich selbst dabei
Bevor ich mich jetzt gemütlich auf den moralischen Hochsitz setze: Ich kann das auch. Natürlich. Ich sehe jemanden und denke mir etwas. Ich lese einen Kommentar und habe ziemlich schnell eine Meinung über den Menschen dahinter. Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern: Jürgen, du weißt überhaupt nichts über den.
Vielleicht hatte derjenige einen beschissenen Tag. Vielleicht habe ich einen Satz völlig falsch verstanden. Vielleicht gibt es eine Geschichte dahinter, die ich nicht kenne. Oder vielleicht ist dieser Mensch tatsächlich ganz anders als ich. Auch das darf sein.
Seit wann muss eigentlich alles gefallen?
Das ist für mich noch so ein Punkt. Wir scheinen manchmal zu glauben, dass alles, was uns begegnet, unsere persönliche Zustimmung benötigt. Ein Mann trägt etwas, das ich niemals anziehen würde? Dann soll er. Jemand hört Musik, bei der ich nach drei Minuten freiwillig den Raum verlassen würde? Viel Spaß damit. Ein anderer lebt sein Leben völlig anders, als ich meines leben möchte?
Solange er damit niemandem schadet: Warum sollte ich darüber entscheiden müssen, ob das richtig oder falsch ist? Ich muss nicht alles mögen. Aber ich muss auch nicht alles, was ich nicht mag, abwerten. Dazwischen gibt es ziemlich viel Platz.
Social Media hat das nicht erfunden
Natürlich könnte man jetzt einfach Instagram, TikTok und Co. die Schuld geben. Das wäre mir zu einfach. Menschen haben andere Menschen schon immer beurteilt. Der Unterschied ist vielleicht eher, dass wir unser Urteil heute ständig sichtbar machen können. Gefällt mir. Gefällt mir nicht. Kommentar. Emoji. Teilen. Empörung. Und weiter. Das alles passiert innerhalb weniger Sekunden.
Manchmal schneller, als wir überhaupt darüber nachdenken können, warum uns etwas gerade stört. Vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht, dass wir bewerten. Sondern wie schnell wir es tun.
Eine Meinung darf auch etwas dauern
Ich finde es übrigens ziemlich angenehm, wenn jemand sagt: „Weiß ich noch nicht.“ Oder: „Darüber muss ich erst nachdenken.“ Das klingt heute beinahe ungewöhnlich. Dabei steckt darin für mich viel mehr Stärke als in einer Meinung, die fünf Sekunden nach einer Schlagzeile feststeht.
Wir müssen nicht zu allem sofort einen Standpunkt haben. Ja, ausgerechnet das schreibe ich in einer Rubrik, die Standpunkt heißt. 😄 Aber vielleicht gehört genau das dazu.
Ein Standpunkt muss nicht bedeuten, dass man zu allem sofort eine Antwort hat. Er kann auch bedeuten, sich die Zeit zu nehmen, eine zu finden.
Vielleicht erst einmal hinschauen
Vielleicht müssen wir nicht aufhören, uns eine Meinung zu bilden. Das wäre vermutlich auch ziemlich langweilig. Aber vielleicht sollten wir uns wieder etwas mehr Zeit dafür lassen. Hinschauen. Zuhören. Nachfragen. Und manchmal feststellen: Ich habe zu schnell geurteilt. Das ist keine Schwäche. Im Gegenteil.
Denn eine Meinung ändern kann nur jemand, der bereit ist, noch einmal nachzudenken. Und vielleicht wäre unsere Welt ein kleines bisschen angenehmer, wenn zwischen Sehen und Bewerten wieder etwas mehr Platz wäre. Ich versuche es jedenfalls. Ob es mir immer gelingt? Ihr dürft mich gerne bewerten.
Aber vielleicht nicht sofort. 😉
Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen


